»Wir haben die besten Fans in ganz Europa«

Troy Tomlin © Michael Zelter

Troy Tomlin © Michael Zelter

Lions-Head-Coach Troy Tomlin über den Eurobowl-Sieg

Zum ersten Mal seit 2003 holten die Lions am 20. Juni im Eintracht-Stadion den Eurobowl. Damals wie heute war es Coach Tomlin, der als Cheftrainer die Mannschaft in der Champions League des Football zu Höchstleistungen antrieb. Im Gespräch mit inSport ließ der 46-jährige Amerikaner, der eigentlich lieber nach vorne blickt, den BIG6-Wettbewerb doch noch einmal Revue passieren und zog eine Zwischenbilanz nach der Hinrunde …

inSport Coach Tomlin, Sie kommen gerade aus einer kurzen Erholungsphase zurück, wie haben Sie die letzten beiden Wochen verbracht?
Tomlin In der freien Zeit haben wir den zweiten Teil der Saison vorbereitet und dafür gearbeitet. Am Wochenende habe ich auch mal ein bisschen Freizeit mit der Familie genießen können, aber insgesamt haben wir ganz einfach weitergearbeitet. Die Jungs sind teilweise sicher auch im Urlaub gewesen, aber ich selbst nicht.

inSport Zum ersten Mal nach zwölf Jahren haben die Lions den Eurobowl gewonnen: Wie hat sich das angefühlt?
Tomlin Das ist ein großer Erfolg für uns. Wir haben den Eurobowl nun zum dritten Mal in unserer Geschichte geholt und das heißt, wir sind jetzt Europameister. Das ist einfach ein schönes Gefühl, bei so vielen guten American-Football-Vereinen ist das wirklich eine große Ehre und freut uns sehr. Jetzt ist das aber Schnee von gestern. Wir müssen uns nun wieder auf die GFL-Saison konzentrieren.

inSport Erlauben Sie dennoch ein paar Fragen zum BIG6: Beim Spiel gegen die Swarco Raiders Tirol war es am Anfang ja etwas knapp (28:33). Haben Sie dann Ihre Taktik geändert?
Tomlin Nein. Eigentlich war jedes Spiel knapp und das soll in einem Champions-League-Spiel auch so sein. (lacht) Das ist einfach so. Die Swarco Raiders aus Tirol sind eine großartige Mannschaft – gerade sind die Raiders Österreichischer Meister geworden – und es war ein hartes Spiel in ihrem Stadion, aber wir haben es geschafft. So ein Sieg war natürlich großartig für uns. Die Taktik haben wir danach nicht völlig verändert. Allerdings muss vor jedem Spiel mit einer anderen Mannschaft auch ein bisschen variiert werden. Beim nächsten Spiel gegen Paris hatten wir beispielsweise unseren gesetzten Quarterback nicht, also musste Evan Landi als Quarterback antreten. Das war auch ein knappes Spiel, es stand 14:14 zur Halbzeit, aber am Ende haben wir gewonnen. Und auch gegen Schwäbisch Hall hatten wir einen neuen Quarterback, Casey Therriault. Und wieder war es ein knappes Spiel, das wir trotzdem gewonnen haben. So soll es sein in einem Championship-Spiel!

inSport Der Eurobowl ist wohl kaum mit dem Superbowl zu vergleichen, was gefällt Ihnen trotzdem am BIG6-Wettbewerb?
Tomlin Der Eurobowl in diesem Jahr in Braunschweig war einfach großartig, es war viel geboten für die Fans, viele Shows und dergleichen. Und ich finde, unsere Leute haben das richtig gut gemacht, es war einfach eine tolle Atmosphäre.

inSport Anfang des Jahres haben Sie die Lions mit neuen Spielern nachgerüstet, welche Spieler haben Sie mit ihren guten Leistungen besonders überrascht?
Tomlin Zunächst mal bin ich wirklich zufrieden mit jedem der Jungs. Ich bin sehr glücklich mit Evan Landi, denn er hat fast jede Position bei uns ausgefüllt. Normalerweise ist er als Receiver auf dem Feld, er musste bei uns aber auch mal Quarterback sein, stand außerdem auch als Long Snapper auf dem Platz und kann dazu noch Defense spielen. Also bin ich sehr zufrieden mit seiner Leistung. Ich bin auch sehr von Sy Mamadou überzeugt. Er hat sowohl Inside Defense Line gespielt, als auch Outside… Ach, ich bin mit der kompletten Mannschaft zufrieden, mit ihrer Charakterstärke, der Leistung, die sie im Training und als Team bringt. Das ist das Wichtigste.

inSport Wie kam es eigentlich, dass Sie Casey Therriault diese Saison wieder ins Team holten?
Tomlin Na ja, Grant Enders war verletzt und die Prognose war so, dass er wirklich sechs bis acht Wochen Reha machen sollte und erst danach könne man abschätzen, wie lange es dauert, bis er wieder spielbereit ist. Es war eigentlich von Anfang an der Plan, dass Casey in dieser Saison Ersatz-Quarterback sein würde. Er war sogar schon auf der Eurobowl-Liste eingetragen und es war wirklich ziemlich klar, wenn so etwas passieren sollte, holen wir ihn.

inSport Und wie geht es dem verletzten Grant Enders mittlerweile?
Tomlin Bis jetzt läuft alles ziemlich gut und wir werden mehr sehen, wenn wir in diesen Tagen wieder mit dem Training beginnen, wenn er sich mit dem Arzt trifft. Dann wird geklärt, ob er nun mit der Reha anfangen kann und so weiter.

inSport In der laufenden Saison ging nur ein Spiel verloren, gegen die Dresden Monarchs. Woher wissen Sie überhaupt, was Sie bei den Lions noch verbessern müssen und was haben Sie sich für das Training nach der Pause für Ziele gesetzt?
Tomlin Unser Ziel ist das gleiche wie jede Woche: Es ist nur das nächste Spiel. Ob man gewonnen hat oder verloren, es gibt immer Sachen im Spiel, die man korrigieren muss und die man verbessern kann.

inSport Haben Sie ein Beispiel für uns? Was sind aktuell die Schwachstellen?
Tomlin Na ja, es gibt immer Punkte, die wir verbessern können. Aber ich würde diese Probleme niemandem erzählen. Das ist nur für mich und die Mannschaft bestimmt.

inSport Trotz der guten Saison sind die Lions nicht auf der Tabellen-Pole-Position der GFL-Nord, sondern die Kiel Baltic Hurricanes. Eine „perfect season“ wie 2014 wird es also nicht mehr geben – jedoch bleibt die Option, als Trainer ein Double zu holen, was zuletzt 1999 Kent Anderson gelang. Ist das ein großes Ziel von Ihnen?
Tomlin Das müssen wir dann sehen. Erstmal kommt das nächste Spiel und das nächste Spiel ist gegen Hamburg.

inSport Und das wird ein Heimspiel sein – aber ungewöhnlicherweise an einem Freitagabend stattfinden. Ist das nun gut oder schlecht?
Tomlin Das war eigentlich die einzige Möglichkeit. Es war ziemlich kurzfristig mit dem ganzen Fußball-Bundesliga-Spielplan: Wir haben gewusst, dass Eintracht Braunschweig am gleichen Wochenende zuhause spielen soll. Irgendwann kam dann heraus, dass sie am Sonntag spielen würden. Da könnte es aber Probleme mit dem Rasen geben, der nach jedem Spiel genug Zeit braucht, um heilen zu können. Eigentlich war unsere erste Idee, dass wir am Wochenende zuvor spielen – leider war das für Hamburg unmöglich. Also war es die beste Lösung, Freitagabend zu spielen. Die Hamburger haben daraufhin zugesagt, für sie hörte sich das ziemlich gut an. Und für Eintracht war das auch kein Problem. Also haben wir es so geplant, dass das Spiel Freitag ab 20 Uhr stattfindet – unter dem Thema „Friday Night Lights“. Das ist ziemlich cool und ein bisschen wie in Amerika. Wieso also nicht? Am Ende waren wir mit der Lösung sehr zufrieden.

inSport Können wir dann öfter mit solchen traditionell amerikanischen Freitagabend-Spielen rechnen?
Tomlin Schwer zu sagen, denn manchmal ist es schwierig – besonders für unsere Jungs, nicht unbedingt für uns Trainer, denn die Jungs müssen arbeiten oder gehen zur Uni, machen eine Ausbildung. Besonders schwierig ist es auch für die Gegner, bei denen dann noch die Anreise dazukommt. Aus Hamburg sind es beispielsweise zweieinhalb Stunden Fahrt, wenn dann noch einer der Jungs aus dem Team bis 17 Uhr arbeiten muss, wird es knapp für ihn, es rechtzeitig zum Kick-off zu schaffen. Das ist also schon ein Problem. Aber ich würde auch nicht sagen, dass wir nie wieder Freitagabend spielen, denn um den Plan zwischen Football und Fußball richtig abzustimmen, braucht man manchmal etwas Flexibilität.

inSport Wie empfinden Sie die Unterstützung von Seiten der Bürger und der Stadt? Würden Sie sich manchmal noch etwas mehr Rückenwind wünschen?
Tomlin Ich finde, die Unterstützung, die wir von der Stadt kriegen wirklich ganz großartig. Wir haben gute Trainingsmöglichkeiten von der Stadt Braunschweig bekommen und die Bereitschaft und Flexibilität, das alles mit dem Stadion zu handlen … Dass wir überhaupt dort spielen können, ist schon großartig. Und was die Fans betrifft, das ist gar keine Frage: Wir haben, was American Football angeht, die besten Fans in ganz Europa. Für mich ist das der einzige Ort in Europa, an dem ich als Trainer gearbeitet habe und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich einmal irgendwoanders als Trainer arbeiten werde. Und der Hauptgrund dafür sind die Fans. Sie sind unglaublich.

inSport Also in Europa könnte man Sie nicht abwerben, aber vielleicht in den USA – irgendwann mal wieder?
Tomlin Das ist schwer zu sagen, ich meine, jeder will ja in seinem Beruf weiterkommen und das höchste Niveau als Trainer beim Football zu arbeiten, bietet eben die NFL. Also ja, wenn es eine Chance auf eine Steigerung gibt, würde ich mir das auf jeden Fall überlegen. Aber ganz ehrlich, Braunschweig ist eine wirklich schöne Football-Stadt und ein schwieriger Ort, um ihn wieder zu verlassen.

inSport Noch ein kleiner Blick auf die kommende Saisonhälfte: Auch wenn Sie von Spiel zu Spiel gehen, können sie schon ein bisschen abschätzen, was die entscheidende Partie der Rückrunde werden könnte?
Tomlin Ja. (lacht) Die nächste Partie ist immer die entscheidende. Deswegen ist das Spiel gegen Hamburg für uns jetzt erstmal das wichtigste.

Text Leonie Steger
Foto Michael Zelter

Kategorie:Football

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