Vorbild »FIFA«

EA FIFA USA (c) EA Sports

EA FIFA USA (c) EA Sports

Kick it like EA – bei »FIFA 16« spielen jetzt auch die Frauen

Die Wurzeln des Frauenfußballs reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert. In Frankreich spielten damals Frauen und Männer gemeinsam ein Spiel namens „la sioule“, das als Vorläufer des modernen Fußballs, der 1863 zu einer offiziellen Sportart wurde, gilt. 31 Jahre später, also 1894, dann die Gründung des ersten Frauenfußballteams. Große Tradition, die in Videospielen bisher nahezu ignoriert wurde. Bisher – denn das  47. Spiel der „FIFA“-Reihe (!) macht endlich Schluss mit diesem Androzentrismus.

Die FIFA enttäuscht derzeit weltweit Fußballfans. Alles scheint korrupt, käuflich, kriminell. Außer man steht auf der richtigen Seite – die dann falscher nicht sein könnte. Bei EAs „FIFA 16“, das am 24. September erscheinen wird, hingegen ist die Welt in bester Ordnung. Besser denn je – denn erstmals werden in der Geschichte der erfolgreichsten Fußballsimulation der Welt, die im vergangenen Jahr allein in der ersten Verkaufswoche über fünf Millionen Abnehmer fand, auch Frauen-Nationalmannschaften vertreten sein. Vorbild „FIFA“ sozusagen.

British Ladies Football Club (c) wikipedia

British Ladies Football Club (c) wikipedia

„Die Einbindung einiger der besten Spielerinnen und Frauenteams der Welt ist eine große Sache für EA Sports. Genauso aufregend ist es, Millionen von Fans eine neue Spielweise zu präsentieren“, so David Rutter, Vice President und General Manager bei EA Sports FIFA, voller Vorfreude. inSport schätzt: Auch wenn jetzt ein paar Ewiggestrige, die sich selbst als Fußballexperten sehen, aber für gewöhnlich daran scheitern, die Abseitsregeln oder das K.-o.-System im Europapokal zu erklären, EAs Facebook-Seite nach der Bekanntgabe der News (mit grammatikalisch-orthografischen Offenbarungseiden) shitstormten, wird „FIFA 16“ der erfolgreichste Teil der seit 1993 bestehenden Fußballsimulation. Mit Abstand. Zu Recht. Aber warum? Ganz einfach: Allein in Deutschland gibt es rund 30 Millionen Menschen, die mehrmals im Monat Videospiele konsumieren – und davon sind fast die Hälfte (47 Prozent) weiblich!* Des Weiteren sind, wie die Untersuchung „Women’s World of Football“ der Sponsoring-Beratung Sport + Markt in Köln, bei der mehr als 20.000 Frauen in 21 Ländern befragt wurden, ergeben hat, 38 Prozent aller Fußball-Fans ebenfalls weiblich.** Nun kann sich sogar ein Rudi „Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht!“ Völler ausrechnen, dass hierin ein riesiges Potential liegt. Auch steht im Sommer die nächste Frauen-WM an – und die wird sowieso einen Boom auslösen, so wie einst 2011. Die Weltmeisterschaft 2015 findet derzeit übrigens in Kanada statt, dem Niederlassungsort von EA Sports …

Fakten, die jetzt auch die Computer- und Videospielindustrie begriffen haben. Entsprechend euphorisch zeigt sich Denni Strich, DFB-Direktor Marketing: „Dieser wertvolle und überraschende Schritt von EA Sports wertet den Frauenfußball und damit auch unsere Frauen-Nationalmannschaft noch einmal enorm auf.“

Strich weiter: „Gerade durch die Technik und Wissenschaft, die EA immer wieder in ihre aktuellen Versionen einfließen lässt, wird es ein ganz außergewöhnliches virtuelles Erlebnis sein, unsere Nationalspielerinnen in ‚FIFA 16‘ spielen zu dürfen.“ Die dreimalige Champions-League-Siegerin und amtierende Weltfußballerin Nadine Keßler vom VfL Wolfsburg ergänzt: „Es ist ein tolles Gefühl! Ich liebe es, ‚FIFA‘ zu spielen – und mich dann selbst im Spiel zu sehen, ist einfach überwältigend!“ Davon konnte ihre Vereinskollegin Alexandra Popp vor gut zwei Jahren nur träumen, gegenüber inSport kommentierte sie damals das Fehlen von Frauenteams in Fußballspielen wie folgt: „Ich habe das schon mal anmerken lassen, über meinen Bruder, der Kontakte zu EA hat. Die haben dann gesagt, dass sich das wahrscheinlich nicht lohnen würde, weil sie die ganzen Bewegungen aufnehmen müssten. Das sei ein viel zu großer Aufwand, der sich später vielleicht nicht rentieren würde. Und dementsprechend hat sich EA noch nicht getraut.“

USA vs Canada (c) EA Sports

USA vs Canada (c) EA Sports

So schnell ändern sich die Zeiten … Mittels Motion-Capture-Technik wurden vor wenigen Wochen die Bewegungsabläufe der vier US-amerikanischen Nationalspielerinnen Sydney Leroux, Abby Wambach, Alex Morgan und Megan Rapinoe ins Spiel übertragen. Das Ergebnis: ein originalgetreues weibliches Sprint-, Lauf- und Bewegungsmodell, mit dem nun zwölf der besten Frauen-Nationalmannschaften nachgebildet werden. Zudem wurden 360-Grad-Körperscans der kanadischen Nationalmannschaft durchgeführt, die als Basis für alle Spielermodelle dienen. Für die nötige Individualität sorgt hingegen das sogenannte Starhead-Shooting, bei dem die Gesichtszüge und Frisuren aller integrierten Spielerinnen erfasst wurden.

Jetzt von wirklicher Gleichberichtigung zu sprechen, wäre aber etwas übertrieben, immerhin stehen jene zwölf Frauenteams rund 500 Männermannschaften gegenüber. Etwa vierzig Mal weniger Frauen als Männer also. Auch wird man darauf verzichten, was bei der geringen Anzahl an Teams auch nicht allzu viel Sinn machen würde, einen Managermodus, in dem man Spielerinnen kauft, verkauft und mit ihnen Gehälter aushandelt, zu integrieren. Letzteres wäre ob der eklatanten Gehaltsunterschiede – wo wir wieder beim Verhältnis 1:40 (und manchmal auch bei 1:400) sind – aber sicherlich hochinteressant … Und auch hier wird „FIFA 16“ seinen Beitrag leisten und zumindest an die zwölf lizensierten Teams ein paar Extra-Gelder ausschütten. Es geht voran im Frauenfußball – virtuell und real.

Peach (c) Nintendo

Peach (c) Nintendo

Frauenfußball in Videospielen – das gab’s doch schon mal!?
Nintendo, Sega, Disney und THQ haben es vorgemacht. So spielten bereits in „Mario Smash Football“ auf dem Gamecube (2005) sowie in dessen Wii-Nachfolger „Mario Strikers Charged Football“ (2010) Frauen, wenn auch deutlich cartooniger, Fußball. Etwa Peach und Daisy, die sogar gegen ihre männlichen Mitstreiter antreten konnten – oder alternativ mit ihnen. Ähnlich gemixt und bunt ging es auch 2002 zu – bei „Sega Soccer Slam“ und „Disney Sports Soccer“. Das ist im Vergleich zu „FIFA 16“ wahre Gleichberichtigung. Darauf eine Prinzessinnen-Blutgrätsche gegen Super Mario!

Und es gab sogar ein „echtes“ Frauenfußball-Videospiel vor „FIFA 16“ – in Nordamerika erschien im Jahr 2000 „Mia Hamm Soccer 64“ für den N64 von THQ. Hier konnte man mit stolzen 32 Teams eine WM austragen. Skurril: In Europa erschien das Spiel unter dem Namen „Michael Owen’s WLS 2000“ – mit Männern statt Frauen …

Text Nils-Andreas Andermark
Fotos EA Sports, Wikipedia

Kategorie:Games

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