Vom Kraftprotz zum Beschützer

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Als Offensive-Line-Man der Lions hat Nikita Schönborn einiges zu tun auf dem Feld. Bei Laufspielzügen muss er die Lücke für den Ballträger reißen, ihm Raum verschaffen, den Gegner wegdrängen. Bei Pässen ist seine Aufgabe, seinen Quarterback zu beschützen, seinen Körper zwischen ihn und dem gegnerischen Verteidiger zu schieben und mit aller Macht zu verhindern, dass jemand durchbricht und seinen Spielmacher zu Boden reißt.

Viel Gerangel und Geschiebe also. „Das hat mich schon in meiner frühen Jugend begeistert. Als kleiner junge habe ich Wrestling-Matches nachgespielt und Ringkämpfe ausgetragen. Meine Kraft einzusetzen – das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Nikita Schönborn. Der gebürtige Oldenburger sei schon immer etwas kräftiger gewesen, gibt er zu. „Irgendwann wollte ich aber einen Sport betreiben, bei dem man auch seinen Verstand benutzen muss“, sagt der 20-Jährige. Er habe dann als Jugendlicher alles Mögliche probiert – von Fuß-, über Hand-, bis Basketball. Das hat zwar alles Spaß gemacht, aber das einzig Wahre war noch nicht dabei.

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„Dann habe ich ein Plakat gesehen: Offenes Tryout bei den Jade Bay Buccaneers in Wilhelmshaven“, berichtet Schönborn. Er sei hingegangen und habe sich sofort wie zuhause gefühlt. Weil er nicht nur massig sondern auch äußerst beweglich war, nahm er schnell eine wichtige Rolle in der Jugendmannschaft der Freibeuter aus dem Jadebusen ein. Heute schwärmt er noch immer von der Sportart: „Das schöne am Football: Jeder kann es spielen, für jeden gibt es eine passende Position. Es gibt kaum eine Sportart, bei der das Team-Gefühl so stark ist, wie beim Football.“

Schönborns Leistungen wurden jedenfalls auch bald über die Grenzen der Küstenregion hinaus wahrgenommen. Bei einem Jugendländerturnier 2012 sprach ihn ein Trainer der Düsseldorf Panther an, ob er nicht Lust hätte für die Rheinländer zu spielen. „Ich habe den Coach gar nicht erst ausreden lassen und habe sofort ja gesagt“, erzählt der junge Footballer. Also ist er nach Düsseldorf gezogen. „Klar der Abschied von den Freunden und ganz besonders von meinen Eltern und der Familie war schon sehr schmerzhaft“, sagt der damals 17-Jährige (inzwischen reisen seine Eltern zu fast jedem Spiel, um ihn anzufeuern). Doch mit dem Umzug kam auch der sportliche Aufstieg. Für Düsseldorf hat er noch zwei Jahre in der Jugendbundesliga gespielt, im zweiten Jahr wurde er mit dem Team deutscher Vizemeister. Es folgte ein Jahr im Herrenbereich.

2015 kam der nächste große Schritt für ihn: Es ging nach Braunschweig zum Rekordmeister. „Als ich hier anfing, wusste ich sofort: Das ist genau das, was ich mir vorgestellt habe. Bei den Lions muss man immer 100 Prozent geben“, sagt Schönborn und schwärmt von den Trainingsbedingungen und dem gesamten Umfeld. Auch die Art und Weise, wie er gefordert wird, sagt ihm beim amtierenden Meister zu. Sein großes Vorbild im Team ist Kerim Homri. „Er gibt einfach alles für die Mannschaft. Selbst wenn er verletzt ist, ist er bei jedem Spiel dabei und versucht zu helfen“, sagt Schönborn.

„Auch außerhalb des Sports wird mir von den Verantwortlichen viel geholfen“, sagt das Talent. So nehme er etwa am Projekt „Team Builders“ teil, bei dem er in Schulen den amerikanischen Volkssport Football unterrichtet. „Seit vielen Jahren beschäftige ich mich damit, wie ich Menschen die Sportart näher bringen kann. Das ist eine tolle Chance“, findet Schönborn.

Die Intensität sei beim Training der Lions deutlich höher als bei seinen vorherigen Stationen. Selbst für das Individualtraining im Fitness-Studio habe er Pläne bekommen. „Es ist alles viel stärker strukturiert“, sagt er. Jeden Tag sei er an den Geräten oder auf dem Trainingsplatz, um sich zu verbessern. „Auf diesem Niveau Football zu spielen, war schon immer mein Traum. Und ich will immer besser werden“, sagt Schönborn. Das passt natürlich zum Anspruch der Lions. Nicht von ungefähr gehören die Braunschweiger zu den besten Clubs Europas. Bei zwei Eurobowl-Siegen und einer deutschen Meisterschaft stand Schönborn bereits im Kader und auf dem Feld. „Diese Triumphe gehörten zu den höchsten Gefühlen, die ich bislang erlebt habe“, sagt er.

Den Winter vor der aktuellen Saison habe er extrem viel trainiert. Auch das zahlt sich aus: Schönborn gehört zu den Stammspielern der Offensive Line. „Als ich hierherkam, hatte ich das Ziel so viel wir möglich zu spielen. Dass ich jetzt so oft auf dem Feld stehe freut mich natürlich sehr“, sagt der Junglöwe, der weiterhin große Ziele hat. „Wir alle träumen davon, einmal in der NFL zu spielen, jedoch sollte man realistisch bleiben: Es gibt viele gute O-Liner auf der Welt“, sagt Schönborn.

Ein anderes großes Ziel will Schönborn schon bald erreichen. „Ich will für Deutschland bei der EM 2018 im eigenen Land spielen“, sagt der ehemalige Jugendnationalspieler, der bislang noch nicht auf dem Zettel für die A-Nationalmannschaft stand. Und in dieser Saison? „Klar will ich in den German Bowl. Aber als Team haben wir immer nur das nächste Spiel im Blick. Wir bereiten uns auf jeden Gegner gleich intensiv vor“, sagt die Nummer 76 der Lions.

 

Text: Bastian Lüpke
Fotos: Fabian Uebe

Kategorie:Allgemein, Football
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