Vollgas in Richtung Meisterschaft?

tsimon (c) Girls Baskets Region 38

Girls Baskets Braunschweig/Wolfenbüttel – regionales Förderkonzept trägt nun Früchte

Wir haben durch unsere vielen jungen Spielerinnen in der kommenden Saison sehr gute Chancen im Meisterschaftskampf der Basketball-Bundesliga“, ist sich Girls-Baskets-Trainerin Hanna Ballhaus sicher. Eine Aussage, die durch eine ausgezeichnete Saison untermauert ist. Die Basketballerinnen der Gemeinschaft Girls Baskets Braunschweig/Wolfenbüttel scheiterten vergangene Spielzeit erst im Finale und wurden Vizemeister – ganz nebenbei holten sie die Final Four der besten Spielerinnen nach Wolfenbüttel. Dabei setzt das Förderkonzept auf Talente aus der gesamten Region. Selbst in der Mannschaft der 2. Bundesliga ist nur eine Amerikanerin.

Eine erfolgreiche Basketballmannschaft ohne Spieler aus Amerika – das war in den Top-Ligen der Bundesliga bisher kaum vorstellbar. Die Ursachen dafür liegen wohl weniger am Geburtsort der Sportlerinnen und Sportler, sondern am Förderkonzept und der damit verbundenen Popularität. Die Wurzeln der amerikanischen Superstars sind im einstigen Einwandererland naturgemäß unterschiedlich – aber der Sport spielt an den Colleges immer eine Hauptrolle. Gute Basketballer, Baseballer, American Footballer, auch Fußballer bekommen hier Stipendien. Inzwischen ist das auch im Frauenfußball sichtbar – die US-Nationalmannschaft gehört zu den Favoriten bei der WM in Kanada. Auch Noelle Maritz vom VfL Wolfsburg profitierte von dem Programm, bevor es die Familie wieder nach Europa zog. „Noelle ist bestens ausgebildet und kann auf nahezu jeder Position spielen“, lobte FIFA-Welttrainer Ralf Kellermann, der die gebürtige Schweizerin für den VfL verpflichtete.

Was im Fußball durch Vereinsinternate und die DFB-Programme (verpflichtende Nachwuchsleistungszentren für Bundesligisten) immer besser ins Rollen kommt, erreichte weniger populäre Sportarten bisher noch nicht. Förderschulen wie zum Beispiel die IGS Franzsches Feld sind rar gesät. Manches Talent aus dem „flachen Land“ versickert in unteren Spielklassen – das Sportangebot in den meisten Schulen ist überschaubar, mehr oder weniger von den Leidenschaften der Sportlehrer geprägt. Basketball, American Football oder Frauenfußball stehen wenig im Lehrplan und die schulische Belastung macht regelmäßige Trainingseinheiten bei den entfernten Proficlubs für viele nicht möglich.

Der Förderverein Girls Baskets Region 38 setzt genau da an (inSport berichtete). Trainerausbildungen für Vereine, Werbeveranstaltungen an kleinen Schulen zwischen Helmstedt und Peine und von Wittingen bis Goslar, Sichtungsturniere und mehr stehen auf dem Programm – finanziert von Privatleuten, ehemaligen aktiven Sportlern, kleinen und mittelständischen Firmen aus der Region. Nur drei Jahre nach Gründung gab es Anfang Mai ein echtes Ausrufungszeichen: In der Wolfenbütteler Lindenhalle fand das Final Four in der Weiblichen Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (WNBL) statt – mit den besten vier U17-Nachwuchsteams. Erspielt durch einen Sieg gegen Titelverteidiger Hagen. Ein Kraftakt – es waren weniger als vier Wochen Zeit. Über 100 Helferinnen und Helfer wurden gesucht und gefunden, auch die Stadt Wolfenbüttel half mit.

Ein Aufwand, der sich gelohnt hat – Fans aus ganz Deutschland erlebten ein dreitägiges Basketballfest mit dramatischen Spielen. Beflügelt durch Heimrecht und lautstarke Anfeuerungen kämpften sich die jungen Spielerinnen aus der Region – eine Auswahl aus Wolfenbüttel und Braunschweig – bis ins Finale. Ohne die verletzte Leistungsträgerin Leonie Rosemeyer und mit einer schwer angeschlagenen Theresa Simon schafften die Nachwuchsspielerinnen in der Verlängerung noch den Sieg gegen das Team Basket-Girls Rhein-Neckar aus Heidelberg.

Ausgerechnet Theresa Simon hatte es ziemlich erwischt – im Training die Wurfhand gebrochen, Kapselriss, Erkältung und dann kam auch noch ein geschwollener Fuß dazu. Sie spielte trotzdem – getaped und mit einer Schiene. Zu groß war die Gier nach dem greifbaren Titel der 16-Jährigen in der letzten U17-Saison. Eigentlich ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, denn die zum Teil erst 14- und 15-jährigen Spielerinnen trafen auf ein Team aus Herne, das älter und viel erfahrener war. Und doch boten die jungen Ladys einen ansehnlichen Kampf, gaben nie auf – aber immer, wenn die Lokalmatadorinnen dran waren, servierten die Damen vom Herner TC einen Dreier – eigentlich die große Stärke von Leonie Rosemeyer, die eben leider bei den Girls Baskets Regio 38 fehlte. Am Ende gewann Herne deutlich mit 70:53.

Allerdings ist schon der Deutsche Vizemeister-Titel ein kleines Wunder. Und Theresa Simon wurde sogar als wertvollste Spielerin der Saison ausgezeichnet. Aber Freud und Leid liegen im Sport nahe beieinander: Auch mit der verbundenen Wolfpack-Mannschaft war die Jugendnationalspielerin Ende April knapp im Halbfinale um die Meisterschaft in Göttingen gescheitert – jedoch war die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur 1. Liga überraschend und daher ein Riesenerfolg. Und schon heute haben die Basketballerinnen der Region eine begeisterte Fanschar, die aus ganz Deutschland zu den Spielen anreist – samt Trommeln, Schals und Tröten.

Wulfpackfandank (c) Girls Baskets Region 38

Wulfpackfandank (c) Girls Baskets Region 38

Das neue Förderkonzept könnte Wolfenbüttel bald wieder zur erstklassigen Adresse für den Basketballsport machen. „Wenn man sieht, wer bei den anderen Mannschaften jetzt ausscheidet“, meint Trainerin Hannah Ballhaus, „dann sehen wir guten Zeiten entgegen. Unsere Mädchen sind sehr jung – wir hatten das jüngste Team. Die werden sich noch entwickeln und Erfahrungen sammeln. Speziell auch durch die Gelegenheit, in jungen Jahren schon in der zweiten Bundesliga zu spielen.“ Aber auch die erfolgreiche Nachwuchsmannschaft muss einige Spielerinnen ersetzen – fünf haben die Altersgrenze erreicht. Darum gibt es Try-Outs für Talente aus der Region. „Die eine oder andere talentierte Spielerin haben wir schon gesehen“, sagt Hanna Ballhaus.

Die sensationelle Arbeit des Fördervereins ist längst beim Basketballbund angekommen – fast alle jungen Spielerinnen sind für die Nationalmannschaften nominiert oder stehen im Perspektivkader. Und Theresa Simon? „Erstmal konzentriere ich mich auf das Wolfpack-Team und natürlich die Schule.“ Und wer weiß, vielleicht folgt sie ja mal Dennis Schröder nach Amerika und rockt dann die WNBA. „Das wäre natürlich ein Traum, aber da muss ich noch viel trainieren und zulegen.“ Ja, mit 17 hat man noch Träume … Und manche davon werden wahr.

Text Frank Kornath
Fotos Girls Baskets Region 38

Kategorie:Basketball

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