Voll im Saft!

aaa082d2257ab65aecf61c2340e9c5b9

Der Braunschweiger THC startet in die Hockey-Hallensaison

Ein Donnerstagabend im November: kühl, dunkel, ungemütlich. Grelles Neonlicht strahlt dagegen von der Hallendecke in der IGS Weststadt. Der abgestandene Geruch von Teenagerschweiß, Gummiabrieb, Plastik, altem Holz und muffigen Sportmatten schwebt in der Luft. Das Klackern der Hockeyschläger, die über den Boden schaben, und die Aufprallgeräusche der gelben, circa 160 Gramm schweren Kunststoffbälle, die an die Wände krachen, erfüllen die Halle. Willkommen beim Training des Braunschweiger Tennis- und Hockey Club (BTHC), willkommen bei der erfolgreichsten Hockey-Mannschaft der Region.

 

14 junge Männer zwischen 17 und 34 Jahren, die meisten von ihnen Schüler und Studenten. Athletisch, schlank, drahtig, voll im Saft stehend. In der letzten Feldhockey-Saison mussten sie sich erst am letzten Spieltag, in einem emotionalen Spiel vor 850 Zuschauern, dem DHC Hannover geschlagen geben und verloren die Tabellenführung. Eine besonders bittere Niederlage, denn durch dieses eine verlorene Match stieg der BTHC am Ende nicht in die 2. Bundesliga Nord auf (die man in der Saison 2008/09 verlassen musste). In der Halle spielt die Truppe dagegen in der 2. Bundesliga und trainiert dafür drei Mal in der Woche. „Wir würden gern die Erfolge aus dem Vorjahr wiederholen und auch in der nächsten Saison lange um den Aufstieg mitspielen. Damit uns dies auch gelingt, müssen wir uns mit dem neuen Spielerkader schnell einspielen und über viele Trainingsspiele gewisse Automatismen einstudieren“, erklärt Trainer Christoph Merl, Sportmanagment-Student. Der 27-Jährige weiß wovon er spricht und wie er seine Jungs anpacken muss. Ein paar kurze, knappe Ansprachen reichen und sein Team absolviert umgehend die nächste Übungseinheit. Und auch das exklusive inSport-Fotoshooting funktioniert vor dem Training reibungslos.

Doch was fasziniert ihn und die anderen, die hier bewaffnet mit Mundschutz, Schienbeinschonern und ihren glatten 36,5 Zoll langen Holzschlägern (die mittlerweile auch aus Verbundkunststoffen wie CFK oder Kevlar gefertigt werden) über den Hallenboden hetzen? „Der besondere Reiz am Hockey liegt in der Verbindung aus athletischen, technischen und taktischen Elementen. Körperbeherrschung ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Spielers. Es muss ja irgendwie das „Erdachte“ über den Schläger auf den Ball übertragen werden. Eine schnelle Auffassungsgabe ist außerdem sehr wichtig, um sich auf die ständig ändernden taktischen Spielsituationen einzustellen.

Was Hockey ganz besonders von anderen Sportarten unterscheidet, ist der meist sehr freundschaftliche Umgang unter den Hockeyspielern. Nicht selten wird auch deshalb von einer großen Hockeyfamilie gesprochen. Gewalt und Aggressionen sind hier zum Glück nicht an der Tagesordnung“, erzählt Merl, der früher selbst erfolgreich in der Deutschen U16- und U-18-Hockey-Nationalmannschaft gespielt hat und für Hamburger Vereine wie Klipper THC und den Uhlenhorster HC in der 1. und 2. Bundesliga kämpfte – bis ihn schwere Verletzungen zur Aufgabe seines Lieblingssport zwangen.

Ist Hockey aber wirklich so hart und aufgrund des Schlägers so gefährlich, wie es zuweilen von Außen wahrgenommen wird? Immerhin kann ein Hockeyball während des Spiels Geschwindigkeiten von bis zu 147 km/h erreichen. Typische Verletzungen, die im Spielbetrieb vorkommen, sind jedoch eher blaue Flecken, wenn der Ball gegen einen Körper springt oder schlimmstenfalls eine Platzwunde. Ebenfalls ist es ein häufiger Irrglaube, dass der Sport auf Grund der „gebückten“ Haltung zu Rückenproblemen führe. Von Anfang an wird im Kinder- und Jugendbereich im Training auf ein ausgeglichenes Athletiktraining Wert gelegt und mit Stabilisationstraining Rückenproblemen vorgebeugt. Diesen Nachwuchs aber aufs Feld, in die Halle, in den Verein zu bekommen wird immer schwieriger, wie Merl betont: „In der Region gibt es mehrere kleinere Hockey-Vereine, mit dem BTHC, Eintracht und dem MTV Braunschweig drei davon in Braunschweig, die leider meistens mit großen Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben. Diese werden sich wohl in naher Zukunft noch verstärken. Dieses aufgrund der Ganztagsschule und der verkürzten Schulzeit. Außerdem muss man sich gegen eine ganze Reihe von unterschiedlichen Freizeitangeboten durchsetzen. Gerade im Altersbereich zwischen 6 und 12 Jahren sind wir im Verein gut besetzt, danach wird es dann von Jahr zu Jahr immer enger: Auslandsaufenthalt, Konfirmation, Tanzschule und Schulprüfungen fordern dann ihren Tribut. Ich bin ich der Überzeugung, dass bei einer Kooperation bzw. Fusion von BTHC, BTSV und MTV der Hockey-Sport in Braunschweig stark profitieren würde. Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass im Fall einer Fusion die sehr lange Tradition der Vereine verloren ginge. Ich denke aber, dass bei der jetzigen demographischen Entwicklung kein Weg an einem großen runden Tisch vorbeiführt.

Insgesamt betrachtet, sind wir mit dem Braunschweiger THC als Verein aber gut aufgestellt. Zwar gibt es noch Luft nach oben, aber unsere konsequente Jugendarbeit zahlt sich nach und nach auch im Erwachsenenbereich immer mehr aus. Neben gut ausgebildeten Trainern, versuchen wir auch neben dem Sport, den Spielern, soweit es uns als Verein möglich ist, unsere Unterstützung anzubieten.“ Doch auch im Herrenbereich muss der BTHC immer wieder Spielerabgänge kompensieren, Neuzugänge integrieren. Obwohl der Verein hoch in der Liga spielt werden grundsätzlich keine Gelder gezahlt, die Spieler zahlen sogar noch für ihre Vereinsmitgliedschaft. Dazu kommt der zeitliche Aufwand, der betrieben wird. In der Hallensaison trainieren die Herren drei Mal die Woche, hinzukommen dann noch die Maßnahmen am Wochenende. So kann es sein, dass man mit Doppelwochenenden auf fünf Einheiten pro Woche kommt. Wenn man jetzt noch betrachtet, dass manche Akteure aus Göttingen eine Anfahrt von einer Stunde auf sich nehmen, sieht man, wie diese Mannschaft ihren Sport liebt und lebt. „Die neue Mannschaft wird Zeit benötigen, sich aufeinander abzustimmen. Gesamt betrachtet haben wir eine sehr junge Mannschaft, die teilweise noch ein bisschen grün hinter den Ohren ist. Deswegen wird es spannend zu beobachten, wie sie sich über die Spiele entwickelt und dazulernt, mit Rückschlägen umzugehen“, meint Trainer Merl. Und der 27-jährige Torhüter Jonas Castor, nebenbei Medizinstudent, fügt trocken und etwas skeptisch hinzu: „Wir wollen frühzeitig versuchen nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben.“

Besonders hervorzuheben aus dem BTHC-Team ist der 20-jährige Mannschaftskapitän Timo Stassek, ein Eigengewächs, das auch schon Nationalmannschaftserfahrung in den U16- und U18-Kadern sammeln konnte und zu einer sehr wichtigen Stütze in der Defensive zählt. Neben ihm agiert der älteste Akteur, der 34-jährige Jörg Schaller – auch seit vielen Jahren BTHCer mit reichlich Bundesliga-Erfahrung. Ein wichtiger Denker und Lenker im Mittelfeld ist darüber hinaus der 22-jährige Moritz Behrend, der ursprünglich aus Hamburg stammt. Auch er bringt schon für sein junges Alter viel Erfahrung mit, hat u.a. ebenfalls bereits in der Bundesliga gespielt. Doch diese drei wären natürlich nichts ohne all die anderen engagierten Mitspieler im Team des bereits im Jahr 1901 gegründeten Vereins, der in der Vergangenheit viele Erfolge erzielt hat. Wie der BTHC für die Zukunft die 1. Bundesliga, vielleicht sogar die Deutsche Meisterschaft angestrebt? „Hockey hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt, so dass die Ansprüche an die Spieler stark gewachsen sind. In absehbarer Zeit Deutscher Meister zu werden, steht daher nicht auf unserer 10-Jahres-Planung. Wir würden uns sehr darüber freuen, uns in den nächsten Jahren, in der 2. Bundesliga Feld und in der 1. Bundesliga Halle jeweils im Mittelfeld zu etablieren“, hofft Christoph Merl. Auf ihn und sein Team kommen bis dahin noch eine Menge Arbeit, Schweiß und Tränen zu. An diesem Abend ist die junge, motivierte Truppe wieder ein kleines Stück weitergekommen und zusammengewachsen.

 

Christian Göttner

Fotos Anne-Sophie Wittwer

Kategorie:Hockey

Facebook