»VfL in Liga eins? Verrückt!«

Erkenbrecher (c) VfR Neumünster, Patrick Lage

Erkenbrecher (c) VfR Neumünster, Patrick Lage

… Uwe Erkenbrecher?

SC Paderborn 07, Rot-Weiß Essen, 1. FC Köln, FC Carl-Zeiss Jena, SpVgg Greuther Fürth, SSV Reutlingen, VfL 93 Hamburg, VfB Lübeck und Türkiyemspor Berlin – die Trainervita von Uwe Erkenbrecher liest sich wie das Who-is-who im traditionellen Fußball – ergänzt wird sie durch Vereine wie den estnischen Erstligisten JK Tammeka Tartu, Esteghlal Teheran und den indonesischen Klub Cenderawasih FC auf der Insel Papua.

Kaum zu glauben, aber in Indonesien ist man absolut verrückt nach Fußball. Da kamen zu den Länderspielen bis zu 100.000 Fans“, erinnert sich der 60-jährige Trainer, der seit Jahren in Calberlah seine „Homebase“ hat. Keine Frage, er hat viel erlebt, manchen Verein vor dem Abstieg bewahrt, manchen zum Aufstieg gebracht. Und viel in der Nachwuchsarbeit geleistet. „Ob Aufstiegsrennen oder Abstiegskampf – ein Trainerleben läuft im Sieben-Tages-Rhythmus“, sagt „Erke“, wie ihn seine Freunde nennen. „Immer spannend.“

Und so lässt sich die Frage nach den Höhepunkten seiner beeindruckenden Karriere auch nur schwerlich beantworten. Einer war sicher der Aufstieg des VfL Wolfsburg unter seiner Regie in die 2. Bundesliga. „Als mir damals das Management mit Peter Pander und Manfed Aschenbrenner sagte: ‚Herr Erkenbrecher, tolle Leistung, aber wir müssen in die 1. Liga!‘ – da dachte ich: Die sind verrückt! Wahnsinn, was daraus nun geworden ist.“

Dass das durchaus ernst gemeint war, sollte Uwe Erkenbrecher bald allzu schmerzhaft feststellen. Als es in der Liga schwierig wurde, setzte man ihn 1993 vor die Tür. Allerdings holte man den Erfolgstrainer drei Jahre später zurück – als Nachwuchstrainer und kurze Zeit sogar als Interimscoach des VfL Wolfsburg.

Ja, zu erzählen gibt es wahrlich viel über das Fußballer- und Trainerleben des Uwe Erkenbrecher. Von ehrgeizigen Aufbauplänen der Verbände und Sponsoren in Estland und Indonesien, bei denen sich mancher Funktionär auch mal verhoben hatte. „Es fehlt einfach oft eine Struktur in diesen Ländern – die ist eben nicht einfach nur mit der Verpflichtung von erfahrenen Leuten aus Fußballnationen wie Deutschland und Brasilien schnell mal aus dem Hut zu zaubern. Das braucht mehr Zeit – viel mehr, als man uns gegeben hatte.“

Auch von den Erlebnissen als Spieler in der 1. und 2. Bundesliga bei Werder Bremen, Wattenscheid 09 und dem KSV Baunatal, der damals noch in der 2. Liga spielte, weiß Erkenbrecher so viel zu berichten. „Unvergessen, als ich mit Werder gegen Real Madrid 4:1 gewonnen habe. Mein Gegenspieler war Günter Netzer – und ich habe zwei Tore gemacht. Oder wie ich als 18-Jähriger Wolfgang Overath neutralisierte …“ Zwei von ganz vielen Geschichten. „Als Trainer fällt es mir sogar noch schwerer, den schönsten Moment festzulegen.“

„Wir sprechen zuhause aber nicht dauernd über Sport, auch über Kultur, Filme, Erlebnisse – und meine Frau kann stundenlang mit unserem Jüngsten in der Küche zaubern!“ Kaum zu glauben, denn mit Sport haben alle zu tun: die Ehefrau ist selbst Trainerin, im Tennis. Auch Sohn Steffen ist Tennistrainer. Und Yannik Sportreporter bei Sky. Bald werden sie noch häufiger Uwe Erkenbrecher bekochen können, übernimmt er im Sommer doch die Ämter des Trainers und Sportlichen Leiters beim Landesligisten MTV Gifhorn. „Klar kann ich von meinen Spielern nicht das gleiche Pensum erwarten, wie in der Regionalliga. Aber das Umfeld stimmt, die Sportanlagen sind gut, die Vereinsführung professioneller als in manchen Clubs in höheren Ligen“, sagt Uwe Erkenbrecher, der zuletzt den VfR Neumünster trainierte, aber schon früh seinen Weggang angekündigt hatte. „Und wenn sich so etwas in der Heimat ergibt, dann ist das eine Gelegenheit, über die man nicht lange nachdenken muss.“
Und wer weiß, vor Uwe Erkenbrecher spielte der VfL auch lange nicht in der Bundesliga …

Text Frank Kornath | Foto VfR Neumünster, Patrick Lage

Kategorie:Historie

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