»Schiri, ist das das Finale?«

Gesundheit © Kirsty Pargeter-fotolia.com

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Gehirnerschütterungen im Sport: Kliniken in der Region

Football, Eishockey, Fußball oder Handball – bei Kontaktsportarten gehören Stürze und Schläge auf den Kopf dazu. Manche können schwere Verletzungen verursachen, die oft erst später bemerkt werden. Neue Schnelltestverfahren sollen das Schlimmste verhindern.

An diese Szene erinnern sich viele, wenn sie an die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien denken. „Schiri, ist das das Finale?“, fragte Nationalspieler Christoph Kramer im Endspiel, nachdem er die Schulter eines argentinischen Gegenspielers mit voller Wucht ins Gesicht bekommen hatte. Zum Glück informierte Schiedsrichter Nicola Rizzoli Bastian Schweinsteiger. Kramer wurde ausgewechselt. Diagnose: Gehirnerschütterung! Bis heute fehlt Nationalspieler Kramer die Erinnerung an Teile der ersten Halbzeit des legendären Finalspiels.

Zusammenstöße beim Fußball kommen jede Woche vor – bei Kopfballduellen oder Torraumszenen mit dem Keeper. Oft bleiben die Betroffenen kurz liegen, spielen aber weiter. Und leider können sie ihre Gesundheit dadurch erheblich aufs Spiel setzen. Das Risiko: „Leichtes Schädel-Hirn-Trauma“ – die Gehirnerschütterung.

Wenn ein Sportler berichtet, dass er nach einem Zusammenprall „Sterne gesehen“ hat, bestehe der dringende Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, betont Dr. Axel Gänsslen, Unfallchirurg am Klinikum Wolfsburg. „Die Zeiten sind endgültig vorbei, als es zum guten Ton gehörte, sich nach einem K.o. wieder aufzurappeln und weiterzuspielen“, sagt der Mannschaftsarzt des DEL-Eishockeyteams Grizzlys Wolfsburg. Er spricht aus eigener Erfahrung. Sein zehnjähriger Sohn Paul zog sich im Schulsport zweimal binnen weniger Wochen eine Gehirnerschütterung zu. Er litt unter Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Einschränkungen seiner Gehirnleistung. Aufgrund der medizinischen Kenntnisse seines Vaters wurden die Symptome richtig erkannt und behandelt. Darum unterstützt der Arzt die Kampagne „Schütz Deinen Kopf!“ – und ist in bester Gesellschaft. Auch die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) hat ein umfangreiches Programm gestartet, um schlimme Folgen durch zu spät erkannte Sportverletzungen zu vermeiden. Unter „Sei kein Dummy“ stellt die VBG Hilfsmaterialen für Trainer und Betreuer kostenlos zur Verfügung.

Nach Angaben der VBG gibt es im Fußball, Handball und Eishockey die meisten Verletzungen im deutschen Profisport. 2013 war der Spitzenreiter Eishockey – mit jährlich durchschnittlich 260 registrierten Verletzungen pro 100 Spieler, vor Fußball mit durchschnittlich 206. In Deutschland werden pro Jahr mehr als 40.000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert, die Dunkelziffer ist weitaus höher.

Das Gefährliche daran: Wird ein Schädel-Hirn-Trauma nicht erkannt und behandelt, kann es in den ersten 24 bis 48 Stunden zu Komplikationen kommen –  außerdem drohen dem Sportler oder der Sportlerin im Wiederholungsfall irreversible Schäden. Denn bei einer Gehirnerschütterung kann es zu einer Störung der Gehirnfunktion kommen, wie der Gedächtnisverlust von Nationalspieler Kramer beweist. Zusammenstöße im Spiel können zu kleinen Blutungen und Schwellungen im Gehirn führen, den sogenannten Mikroverletzungen. Müssen die Sportler dann wieder zu früh aufs Spielfeld oder aufs Eis und bekommen sie einen erneuten Schlag auf den Kopf, können diese Verletzungen zu größeren Schäden führen. In den USA leiden zahlreiche ehemalige Football-Profis unter chronischen Hirnerkrankungen.

Die Wiederherstellung der Funktion der Nervenzellen bedarf mindestens sechs bis sieben Tage. Obwohl vor allem das junge Gehirn eine sehr gute Erholungsfähigkeit besitzt und Schäden kompensieren kann, wäre es fatal, wenn während dieser Reparationszeit ein weiterer Schlag das Hirn treffen würde. Als Folge könnten sich dann die Erholungsvorgänge deutlich verzögern und eine überschießende Schwellung zu einer Katastrophe im Hirn führen („Second Impact Syndrome“). Solange Beschwerden bei körperlicher oder geistiger Belastung vorliegen, ist es noch nicht zu einer kompletten Erholung des Gehirns gekommen.

Aber: Wie kann man erkennen, ob eine Spielerin oder ein Spieler nach einem Zusammenstoß eine Gehirnerschütterung erlitten hat – und eben nicht weiterspielen kann und darf? Zumal es auch unspezifische Symptome gibt, wie verlangsamtes Reaktionsvermögen, Schwindelgefühl, Müdigkeit oder Nackenschmerzen. Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt, gibt es, wenn bei den betroffenen Sportlern auffällt, dass sie zum Beispiel wackelig auf den Beinen sind oder sie sich an den Kopf fassen. In dem Fall sollten Fragen zu Ort, Zeit und der betroffenen Person gestellt werden. Dazu wird eine Gleichgewichtstestung durchgeführt. Wenn sich ein betroffener Sportler im Sozialkontakt plötzlich auffällig verhält – etwa völlig unbeteiligt und still oder außergewöhnlich stimmungsgeladen ist –, besteht dringender Verdacht auf eine Gehirnerschütterung.

Bei der Berufsgenossenschaft und der Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ kann man jetzt eine App und eine Taschenkarte herunterladen – oder auch anfordern (www.schuetzdeinenkopf.de
und www.sei-kein-dummy.de). Die Inhalte der Taschenkarte, die sogenannte „Pocket-SCAT“,  hat eine internationale Expertengruppe in Zusammenarbeit mit den großen Sport-Weltverbänden IOC, FIFA, IIHF, IRB und FEI entwickelt. Diese Karte soll Pflicht bei allen Sportveranstaltungen werden, fordern die iniziierenden Experten aus dem Klinikum Wolfsburg und dem Klinikum Celle.

Ein erster Test, der Hinweise auf eine Gehirnerschütterung geben kann, ist mit der Taschenkarte ohne aufwendige Schulung auch von Trainern, Physiotherapeuten, Betreuern und Eltern durchführbar. Mit einem solchen Schnelltest am Spielfeldrand hätte manchem Sportler besser und schneller geholfen werden können, berichtet auch der Chef des Unfallkrankenhauses Berlin, Dr. Axel Ekkernkamp. „Eishockey-Spieler bekommen Ellbogen an den Kopf oder schlagen hart aufs Eis.

Das kann lebenslange Folgen haben – wie für den früheren Kapitän der Eisbären Berlin, Stefan Ustorf. Der Nationalspieler erlitt Anfang 2011 durch einen Check ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er musste seine Karriere beenden und leidet noch immer an den Folgen der Verletzung. „Mir geht es vor allem im Kopf unverändert sehr schlecht. Dadurch spüre ich, wie nach und nach auch mein Körper auseinanderfällt … Mir war es nicht bewusst, wie schlecht meine Verfassung werden kann, weil ich nun nicht mehr trainieren, mich nicht mehr körperlich fit halten kann“, sagte Ustorf in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, veröffentlicht am 4. März 2013.

Nach dem Kurztest muss dann zeitnah die medizinische Untersuchung mithilfe des sogenannten „SCAT3“-Tests von einer Fachperson mit entsprechender Qualifikation erfolgen. Er beinhaltet kognitive und körperliche Übungen sowie Untersuchungen.

Um ganz sicher zu gehen, haben Dr. Peter Biberthaler, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie im Klinikum rechts der Isar, und Ärzte der amerikanischen Universität Rochester einen neuen Schnelltest entwickelt, der mit einem Tropfen Blut aus der Fingerspitze des Betroffenen am Spielfeldrand durchgeführt werden kann. Der Test basiert auf dem Befund, dass nach einer Gehirnerschütterung der Wert eines bestimmten Proteins – des Proteins S100B – im Blut des Verletzten enorm ansteigt. Das Eiweiß ist ein Bestandteil der Stützzellen des Gehirns. Sind die angeschlagen, wird das Protein freigesetzt, wandert sozusagen ins Blut. Die Forscher wollen den Bluttest so verfeinern, dass ihn jeder Vereinsarzt durchführen kann. Das kann aber noch dauern.

Darum haben sich auf Initiative der Ärzte aus Wolfsburg und Celle mit Unterstützung der „ZNS – Hannelore Kohl Stiftung“ und unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers, Dr. Thomas de Maizière, namhafte Organisationen und Verbände zusammengeschlossen, um Sportler, Ärzte, Trainer und Lehrer für dieses Thema zu sensibilisieren. Die Präventionskampagne „Schütz Deinen Kopf!“ soll aufklären und Spätfolgen vermeiden. „Schnelltests am Spielfeldrand müssen in Deutschland auch im Breiten- und Schulsport Standard werden“, fordert Dr. Kristina Schröder, Präsidentin der „ZNS – Hannelore Kohl Stiftung“.

Die Taschenkarte wurde von der FIFA übernommen. Begleitet wird die Präventionskampagne von lokalen Fortbildungen und Informationsveranstaltungen sowie einem Ausbildungs- und Lehrkonzept im Breiten- und Leistungssport in den Schulen und Sportvereinen. Dafür wurde einheitliches Informationsmaterial für Athleten, Trainer, Physiotherapeuten, Betreuer, Lehrer und auch Eltern erstellt.

Eintracht-vs-Gladbach (c) Stefan Peters

Eintracht-vs-Gladbach (c) Stefan Peters

Weitere Informationen gibt es bei der Modellregion Wolfsburg Initiative „Schütz Deinen Kopf!“, Dr. med. Wolfgang Klein und Dr. med. Axel Gänsslen, Sprecher Medical Task Force DEL, Klinikum Wolfsburg, Sauerbruchstraße 7, 38440 Wolfsburg. Telefon (0 53 61) 80 12 40 (Sekretariat Unfallchirurgie), E-Mail: wolfgang.klein@klinikum.wolfsburg.de und axel.gaensslen@klinikum.wolfsburg.de.

Text Frank Kornath
Fotos  Kirsty Pargeter (Fotolia), Stefan Peters

Kategorie:Fitness

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