Ruhe und Gelassenheit in einem leicht hysterischen Umfeld

Erik Lieberknecht und Nils Burgdorf sind die Fanbeauftragten von Eintracht. (c) Eintracht Braunschweig

Erik Lieberknecht und Nils Burgdorf sind die Fanbeauftragten von Eintracht. (c) Eintracht Braunschweig

Die Fans von Eintracht Braunschweig sind eine besondere Sorte. Viele haben die Durststrecken in der Regionalliga vor zehn Jahren miterlebt, manche erzählen Anekdoten aus der Meisterschaftssaison. Wieder andere sind erst vor wenigen Jahren dazu gekommen, als die Eintracht wieder in der Bundesliga spielte. Die Braunschweiger Fans sorgen für gute Stimmung selbst bei sportlichen Talfahrten, fahren zahlreich zu weit entfernten Auswärtsspielen – selbst an Montagen – und  stecken viele Stunden in ausgefeilte Choreographien.

Mit Erik Lieberknecht, der als Fanbeauftragter der Eintracht den Kontakt zur Fanszene hält, sprachen wir über das Derby gegen Hannover, alkoholisierte Fans bei Auswärtsspielen und das ausgeprägte gesellschaftliche Verantwortungsgefühl innerhalb der Szene.

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Erik Lieberknecht. © Eintracht Braunschweig

Herr Lieberknecht, was sind eigentlich die Aufgaben eines Fanbeauftragten?

Kurzgefasst sind die Fanbeauftragten die Schnittstelle und das Bindeglied zwischen dem Verein und seinen Fans. Wir sind Ansprechpartner bei allen Fragen, Anliegen oder Nöten von Einzelpersonen, Fanvereinigungen oder Fanclubs. Wir betreuen unsere Fans bei allen Heim- und Auswärtsspielen, erstellen sowohl für unsere eigenen als auch für die Fans der Gastmannschaften die sogenannten Faninfos, nehmen an allen Vor-und Sicherheitsbesprechungen für den Spieltag teil und bereiten jedes einzelne Spiel nach. Wir koordinieren das Reisemanagement für unsere Fans.  Wir planen, organisieren und begleiten Busse oder Fanzüge zu Auswärtsspielen unserer Eintracht.

Die Fanbeauftragten sind ständige Teilnehmer in Kommissionen und Gremien, wie beispielsweise dem Örtlichen Ausschuss für Sport und Sicherheit der Stadt Braunschweig, der Stadionverbotskommission von Eintracht, den Sicherheitsbesprechungen und dem Arbeitskreis Auswärts. Wir organisieren sowohl die Fanversammlungen als auch den alle zwei Monate stattfindenden sogenannten „Verstetigten Dialog“, in dem sich Vertreter unseres FanRates und weiterer Faninitiativen mit Entscheidungsträgern unseres Vereins austauschen. Wir beraten die Geschäftsführung und die Abteilungen von Eintracht bei allen Themen, die Fan-Angelegenheiten betreffen.

Was zeichnet die Braunschweiger Fanszene aus?
Die Braunschweiger Fanszene zeichnet sich durch besondere Leidenschaft und Hingabe für unsere Eintracht aus. Die Eintracht-Fans begleiten die Mannschaft immer sehr zahlreich zu den Auswärtsspielen und unterstützen das Team durch ihren stimmgewaltigen Gesang und durch ihre farbenfrohen und beeindruckenden Choreografien. Die Stuttgarter Zeitung hat vor drei Jahren geschrieben, die besten und lautstärksten Fangesänge in der Bundesliga kämen eindeutig von den Braunschweiger Anhängern. Darüber hinaus fällt auf, dass ein hochentwickeltes Verantwortungsgefühl für soziale Themen vorhanden ist. Unsere Ultras führen einmal pro Jahr ein Benefizturnier in der Sporthalle „Alte Waage“ durch, das im Schnitt von etwa 1000 Zuschauern besucht wird. Viele Helfer und Ehrenamtliche haben dazu beigetragen, dass in diesem Jahr eine Rekordsumme von 25000 Euro für karikative Zwecke zusammengekommen ist. Dieses Geld wurde der Ambulanz des Kinderhospizes Braunschweig, einem behinderten Jungen und einem Kind mit einer Krebserkrankung gespendet. Unsere „Kurvenmutti“ Christel Neumann sammelt bei jedem Heim- und Auswärtsspiel Geld, um es für karikative Zwecke zu spenden. Diese und auch viele weitere Beispiele machen uns Fanbeauftragte natürlich sehr stolz auf unsere Fans.

Wie hat sich die Fanszene in Braunschweig in den vergangenen Jahren entwickelt?
Es hat trotz des Zuwachses durch neu hinzugekommene Anhänger nach dem Bundesligaaufstieg insgesamt eine sehr positive Entwicklung gegeben. Wir befinden uns in einem ständigen, vertrauens- und verantwortungsvollen Austausch, dem sogenannten „Verstetigten Dialog“ mit dem FanRat und der aktiven Ultra- und Fanszene. Darüber hinaus planen und gestalten Fans und Verein mittlerweile gemeinsam die unterschiedlichsten Projekte. Beispielsweise fand im Januar aufgrund einer Idee unseres Trainers Torsten Lieberknecht ein offizielles Testspiel der Profis gegen eine Fan-Auswahl auf dem Gelände des Nachwuchsleistungszentrums statt. Das ist einmalig in Deutschland. Demnächst wird es in Kooperation zwischen dem FanRat, der im vergangenen Jahr gegründeten Eintracht Braunschweig Stiftung und dem Verein Eintracht ist alles einen blau-gelben Flohmarkt und im Herbst, für unsere kleinsten Fans, einen Lampion-Umzug geben. Eintracht Braunschweig und seine Fans sind in den vergangenen Jahren viel näher zusammengerückt.

Wo sind die Problemfälle und welche Fans fallen besonders positiv auf?
Problemfälle gibt es wie in jeder „ausgewachsenen“ Fanszene natürlich auch bei uns. Die Anzahl hält sich jedoch sehr in Grenzen. Wir würden uns wünschen, wenn der ein oder andere Fan etwas verantwortungsvoller mit dem Konsum von Alkohol umgehen würde. Gerade bei Auswärtsspielen ist das von großer Bedeutung, da übermäßig alkoholisierte Personen manchmal nicht verantwortungsvoll genug mit fremden Eigentum, zum Beispiel Waggons der Bahn umgehen und in Einzelfällen auch keinen Zutritt zum Spiel erhalten. Besonders positiv sind, wie schon erwähnt, die tolle Stimmung, die Auswärtsunterstützung, die Choreos, die Spendenbereitschaft und die Bereitschaft zum karikativen Engagement. Wir möchten niemanden besonders herausstellen, denn das gilt für praktisch alle Braunschweiger Fans.

Es gibt immer mal wieder Schlagzeilen rund um rechtsradikale Fangruppierungen – wie geht Eintracht damit um?
Vor drei bis vier Jahren gab es konkrete Vorwürfe in die Richtung einiger Braunschweiger Fangruppen. Sowohl die gelisteten als auch die nicht gelisteten Fanvereinigungen der aktiven Szene haben darauf reagiert, indem sie Erklärungen veröffentlicht haben, in denen sie sich klar und unmissverständlich gegen Rassismus und Diskriminierung positioniert haben. Auch Eintracht Braunschweig ist dieses Thema außerordentlich wichtig. Eintracht Braunschweig hat in Kooperation mit dem Fanprojekt Braunschweig im Jahr 2014 und 2015 ein auch überregional viel beachtetes Aktionsjahr für Toleranz, Vielfalt und Respekt durchgeführt, das unter anderem mit dem Sonderpreis des Sally-Perel-Preis ausgezeichnet wurde.

Über unsere Stiftung trainieren wir minderjährige unbegleitete Flüchtlinge und führen verschiedene Projekte zur Flüchtlingsintegration durch. Darüber hinaus unterstützen wir Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Handicap. Wir sensibilisieren unseren Ordnungsdienst durch besondere Schulungen zum Thema Rechtsradikalismus. Wer in einem solchen Kontext nachweislich negativ auffällt, bekommt Stadionverbot. Die Eintracht und das Fanprojekt haben vor einigen Jahren gemeinsam mit der in Braunschweig ansässigen Institution „Arbeitsstelle gegen Rechtsextremismus und Gewalt“ ein Schulungs- und Informationsprogramm mit dem Titel „Enttarnt“ erarbeitet, in dem Kleidung, bevorzugte Musik und Codizé von Rechtsextremisten offengelegt werden. Außerdem werden in dem vom Fanprojekt und der Eintracht Braunschweig-Stiftung gemeinsam getragenen Leuchtturmprojekt „Fanhochschule/Lernort Stadion“, Schülern aus unserer Region im Alter zwischen 13 und 16 Jahren die grundsätzlichen Prinzipien von Menschenwürde, Demokratie und toleranter Haltung näher gebracht. Dieses Programm zur politischen Bildung von Kindern und Jugendlichen hat vor kurzem den IHK-Sozialtransferpreis gewonnen. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert, die selbstverständlich wieder in das Projekt investiert werden, denn mit diesem Engagement werden wir nicht nachlassen.

Wie gehen Sie im Vorfeld von Problemspielen – wie etwa kommende Saison gegen Hannover 96 – vor? Wie verlief die Arbeit beim letzten Aufeinandertreffen in der Bundesliga-Saison?
Spiele gegen Hannover sind natürlich immer etwas Besonderes, zum einen wegen der Derby-Rivalität, zum anderen, weil sie wegen der unterschiedlichen Ligazugehörigkeiten, in der jüngeren Vergangenheit so selten stattgefunden haben. Wir sehen uns hier in der Pflicht, etwas Ruhe und Gelassenheit in ein leicht hysterisches Umfeld zu bringen. Wir stehen im intensiven Austausch mit unseren Fans, den Kollegen aus Hannover, den Kommunen und der Polizei und versuchen, gemeinsam mit allen Beteiligten die reiseverkehrstechnischen, infrastrukturellen und kommunikativen Voraussetzungen dafür zu schaffen, damit diese Spiele mit der Beteiligung von Gästefans in bester Derby-Atmosphäre friedlich stattfinden.

Wie sieht die Kooperation mit der Polizei konkret aus?
Für die Kooperation mit der Polizei ist die Abteilung Organisation und Sicherheit zuständig. Die Fanbeauftragten nehmen in beratender Funktion an den Sicherheitsbesprechungen teil.

Wie verläuft die Arbeit mit den Fans bei Auswärtsspielen?
Für uns beginnt ein Auswärtsspiel in der Regel schon drei Wochen vor dem eigentlichen Spieltermin. Dann nehmen wir Kontakt mit den Fanbeauftragten und dem Sicherheitsbeauftragten des gastgebenden Vereins auf, um alle Informationen zu erhalten, welche für unsere Fans von Interesse sind. Das sind z.B. Parkplätze und Gebühren, ein möglicher Shuttle- Bus-Transfer vom Bahnhof zum Stadion, erlaubte und nicht erlaubte Fanutensilien, spezielle Auflagen der Polizei, usw. Unsere Ultras teilen uns mit, ob sie beabsichtigen, beim Auswärtsspiel eine Choreo zu zeigen. Die Genehmigung und die eventuellen Einschränkungen oder Auflagen werden dann von uns im Sinne unserer Fans mit dem gastgebenden Verein verhandelt. Die gesammelten Informationen werden im sogenannten Arbeitskreis Auswärts gebündelt und zusammengefasst. Daran nehmen ein Fanbeauftragter, der Sicherheitsbeauftragte, ein Mitglied des Fanprojekts, ein Mitglied unseres Ordnungsdienstes, die Polizei sowie Vertreter des FanRat teil. Die gesammelten Informationen werden einige Tage vor dem Spiel über unsere Homepage und über Facebook an unsere Fans weitergeleitet. Am Spieltag steht der Fanbeauftragte, wenn die ersten Fans ankommen, schon bereit und beobachtet die Einlasskontrollen oder begleitet einen eventuellen Fanmarsch vom Bahnhof zu Stadion. In den Phasen vor, während und nach dem Spiel sind wir stets im Kontakt zu unseren Fans, um Fragen zu beantworten oder bei Konfliktsituationen mit Ordnungskräften oder Polizei deeskalierend und vermittelnd eingreifen zu können. Erleichtert wird uns diese Aufgabe durch unseren eigenen Ordnungsdienst, der uns bei jedem Auswärtsspiel mit sechs bis fünfzehn Personen unterstützt. Diese Maßnahme kommt als Instrument zur Deeskalation  gut an, weil die Mitarbeiter bei unseren Fans durch die Heimspiele bekannt sind.

Sind künftig neue Projekte in der Fanbetreuung geplant? Beim VfL Wolfsburg gibt es ja beispielsweise ein großes Jugendzentrum im Stadion. Wäre so etwas auch für BS denkbar?
Seit zwei Jahren gibt es das blau-gelbe FanHaus, das direkt vor dem Inneneingang zur Südkurve an der Rheingoldstraße liegt und vom Fanprojekt verwaltet wird. Erbaut wurde dieses FanHaus gemeinsam von Eintracht Braunschweig und mit finanzieller und tatkräftiger Unterstützung von Fans nach Entwürfen unseres Vizepräsidenten Rainer Ottinger. Im Obergeschoss befinden sich die Büros des AWO-Fanprojekts, im Erdgeschoss ist der große Veranstaltungsraum mit Theke und Küche, welcher den Fanclubs, den Faninitiativen, dem Fanprojekt und/oder dem Verein für Projektarbeit, Versammlungen oder einfach nur zum geselligen Beisammensein zur Verfügung steht. Seit der vergangenen Saison bietet das Fanprojekt Braunschweig regelmäßig einen Spieltags-Brunch und ein gemeinsames Grillen während der Woche an, bei dem sich regelmäßig zahlreiche Fans am FanHaus treffen. Darüber hinaus werden Filmabende und Diskussionsrunden organisiert.
Von Bastian Lüpke
Fotos: Eintracht Braunschweig

Kategorie:Allgemein, Fußball

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