»Noch nie zuvor war ich so motiviert«

Justus Holtz©Claus Holtz

Justus Holtz©Claus Holtz

Justus Holtz über seine Teilnahme bei der Football-Junioren-EM 2015

18 Jahre alt, 1,85 Meter groß, 80 Kilo leicht und leidenschaftlicher Football-Spieler – soweit die Eckdaten des jungen Talents aus Broistedt. Mit sieben Jahren begann seine sportliche Karriere im Flagfootball-Team des 1. FFC Braunschweig und seit März 2015 ist Justus Holtz stolzes Mitglied des 45-köpfigen U19-Nationalkaders, mit dem er Ende Juni den Vizetitel bei der Junioren-EM in Dresden holte. Im Interview verrät er inSport, welche Ziele er sich für die Zukunft gesteckt hat.

inSport Justus, du hast Ende Juni an den European Junior Championships teilgenommen – wie kam es dazu?
Holtz Nachdem ich im Sommer 2014 aus meinem Auslandsjahr in den Staaten zurückgekommen bin, hat mein Vater mich schon ausgequetscht, wie es denn jetzt mit dem Football weitergehen würde und auch die Nationalmannschaft angedeutet. Damals hatte ich so etwas gar nicht auf dem Schirm und dachte, die Nationalmannschaft sei noch sehr weit weg für mich. Allerdings bekam ich dann im Januar 2015 die Einladung zum ersten Tryout, das am 29. März in Köln stattfinden sollte – genau einen Tag vor meinem Geburtstag. Das war eine sehr coole Erfahrung: Über 200 Footballbegeisterte auf einem Feld. Allein auf meiner Positionsgruppe, den Defensive Backs, waren es über 30 Spieler. Ich hatte mir zunächst keine großen Chancen ausgerechnet, mein Ziel war es, Spaß zu haben, es zu genießen und mein Bestes zu geben. Am Ende hat es nicht nur riesigen Spaß gemacht, es hat auch noch ausgereicht, um es in das nächste Camp zu schaffen. Auch die zweite Runde fand in Köln statt: Ein Trainingslager über zwei Tage, dieses Mal jedoch mit bereits deutlich weniger Leuten. Nur 80 Mann hatten den Sprung in die nächste Runde geschafft, das habe ich auch beim Training gemerkt. Das Niveau war sehr hoch und anders als alles, was ich gewohnt war. Nach diesem Camp war ich wirklich unsicher, ob meine Leistungen ausgereicht hatten. Ich hatte das Gefühl, ich war mit meinen Mitspielern auf dem gleichen Level und es war schwer einzuschätzen, wer es weiter schaffen würde. Nach einigen langen Wochen kam dann die nächste Einladung zum finalen Camp in Stuttgart. Dort waren wir nur noch 55 Spieler, 45 würden den endgültigen Kader bilden. (lacht) Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings schon zuversichtlich, selbstbewusst wie ich bin, auch den letzten Schritt zu meistern. Am Ende des dreitägigen Camps war ich dennoch erleichtert, als ich von den Coaches in den offiziellen EM-Kader berufen wurde. Es war also ein langer, sehr anstrengender Weg.

inSport An Pfingsten konnte die Deutsche U19 im Testspiel bereits die Schweiz mit 48:0 bezwingen. Wie hast du dich danach gefühlt, und was motiviert dich mehr: ein klarer Sieg oder eine deutliche Niederlage?
Holtz Der Sieg war natürlich ein super Gefühl. Zudem war es mein erstes Spiel mit dem deutschen Adler auf der Brust, einfach unbeschreiblich. Aber Gewinnen ist tückisch, besonders wenn es so deutlich ist. Das Gefühl der Überlegenheit, kann dich in Sicherheit wiegen und dich leichtsinnig machen. Daher motiviert ein verlorenes Spiel natürlich stärker, als ein gewonnenes. Da ich es aber hasse zu verlieren, versuche ich natürlich auch in klaren Spielen, mich selbst sehr kritisch zu betrachten, Fehler zu finden und besser zu werden.

inSport Im Halbfinale gegen Frankreich konnte sich dein Team noch sehr gut durchsetzen. Peter Springwald, Chef de Mission, warnte danach aber vor allzu großen Erwartungen. Welche Chancen hattest du dir persönlich ausgerechnet?
Holtz Dazu gibt es zwei Antworten. Als ich nach Dresden angereist bin, hatte ich keine großen Vorstellungen, wie weit wir kommen würden. Ich wusste weder, wie stark die internationale Konkurrenz ist, noch, wie stark wir wirklich waren. Allerdings habe ich nach dem Sieg gegen Frankreich natürlich schon ein bisschen angefangen, vom Titel zu träumen, das muss ich zugeben. Die Energie, die durch die Mannschaft ging, war einfach unbeschreiblich. Noch nie zuvor war ich so motiviert, jeder von uns hatte nur eins im Kopf: Gewinnen.

inSport Wie hast du letztlich das Endspiel gegen Österreich erlebt?
Holtz Das war, trotz der Niederlage, eines der besten Spiele, die ich in meiner jungen Karriere erleben durfte. Die Anspannung vor und während des Spiels verursacht mir heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Im Football redet man oft vom „pumped up“ sein. Das bedeutet, sehr motiviert zu sein und bereit, alles zu geben. Ich habe gemerkt, dass ich vor dem Endspiel noch niemals richtig „pumped up“ war, jeder im Team hat sich gegenseitig motiviert und wir waren alle bereit, so zu spielen, als wäre es das letzte Mal in unserem ganzen Leben. Die Gefühle in so einem Spiel sind einfach unbeschreiblich für Außenstehende. Die Fans und die Atmosphäre haben auch ihren Teil dazu beigetragen, allerdings blende ich persönlich so etwas immer aus und bekomme wenig mit. Am Ende hat das Spiel riesigen Spaß gemacht. Als Leistungssportler liebt man einfach solche Herausforderungen. Es war eine hart umkämpfte Partie, keiner hat sich etwas geschenkt. Was mir wohl am deutlichsten in Erinnerungen bleiben wird, ist, dass auch als wir im dritten Viertel schon deutlich zurücklagen, wir uns mit unbändigem Willen zurückgekämpft haben.

inSport Was nimmst du außerdem noch aus der Teilnahme an der Europameisterschaft mit?
Holtz Die sportliche Erfahrung war natürlich außergewöhnlich, ich konnte vieles lernen. Und auf diesem Niveau zu spielen, war etwas sehr Einzigartiges für mich. Außerdem finde ich es immer wieder erstaunlich, was Football mit Menschen machen kann: Wir kamen alle aus den verschiedensten Ecken Deutschlands, kannten uns nur wenige Tage und am Ende sind wir zu einer echten Familie zusammengewachsen. Ich bin froh, so viele klasse Leute kennengelernt zu haben – auch viele, die es nicht in den EM-Kader geschafft haben, sind Teil dieser Familie geworden. An dieser Stelle ein kleines Dankeschön an alle Mitspieler und Coaches, besonders an meine Positionsgruppe und unsere Positionstrainer, an jeden einzelnen, der diese Zeit so besonders gemacht hat. Vom ersten Tryout bis zum Abschied nach dem Finale, möchte ich keine Minute missen, die ich mit diesem Team verbringen durfte.

Justus Holtz©Claus Holtz

Justus Holtz©Claus Holtz

inSport Bei der Junioren-EM 2006 gehörte unter anderem der heutige NFL-Profi Björn Werner noch zum deutschen Aufgebot. Schielst du auch manchmal in Richtung USA und NFL?
Holtz Ich glaube, jeder kleine Junge auf der Welt, der Football spielt, träumt einmal davon, an einem amerikanischen College, oder in der NFL zu spielen. Bei mir ist das nicht anders. Allerdings möchte ich mir zunächst einmal eine sichere Existenz hier in Deutschland aufbauen, da ein Studium in den USA allein finanziell sehr schwer zu bewältigen ist. Falls ich einmal eine Chance auf ein Stipendium bekommen sollte, würde ich es natürlich gerne versuchen wollen und auch ein wenig dem Traum von der NFL hinterherjagen. Bis dahin ist allerdings meine akademische Ausbildung hier zu Hause meine oberste Priorität, um meine Zukunft zu sichern.

inSport Wie hast du den Highschool-Football während deines Schüleraustauschs beim Team der Kalkaska Blazers in Northern Michigan erlebt?
Holtz Jeder frühere Highschool-Footballer sagt, es war die beste Zeit seines Lebens. Selbst Profis verweisen oft auf die Einzigartigkeit der „friday night lights“. Es war einfach eine super Erfahrung, der „school spirit“ in den USA ist einfach so enorm, du kannst dich mit deiner Schule viel besser identifizieren. Wir waren nur 24 Leute im Team, also musste sich jeder auf den anderen verlassen können und auch mehrere Positionen spielen. Sowas schweißt zusammen. Am Ende haben wir es bis in die Play-offs geschafft, für meine Schule etwas sehr Besonderes. Dieser Zeit habe ich es auch zu verdanken, dass ich an der EM teilnehmen konnte. Eine einmalige, prägende Erfahrung, die ich auch jedem empfehlen würde. Dort sagen wir: „Once a Blazer, always a Blazer!“

Text Leonie Steger
Fotos Claus Holtz

Kategorie:Football

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