Gegen die Schwerkraft

Biken (c)  Jonas Janssen

Biken (c) Jonas Janssen

Gravity-Mountainbiking erobert die Welt

Mit dem Fahrrad auch im schwierigen Gelände schnell von A nach B kommen – so fing es mal an, damals in den 70ern in Kalifornien. Inzwischen gibt es ganze Bike-Parks, Massen-events und Videos, die Millionen begeistern. Stars sind die Kanadier Brandon Semenuk und Brett Rheeder. Zu den besten Deutschen gehört der 25-jährige Jonas Janssen.

Mancher Ballsport führt zu mehr Verletzungen”, sagt der Gravity-Mountainbiker Jonas Janssen. Kaum zu glauben, wenn man seine Videos im Internet (YouTube, Vimeo oder pinbike.com) – oder ihn selbst – live erlebt. „Wir sind ja gut trainiert und vorbereitet. Ich mache nichts, was ich nicht einschätzen kann.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass es als uncool” gilt, über missglückte Aktionen zu jammern.

Ohne Bike sieht man den studierten Kommunikationsgrafik-Designer selten. „Mein erstes Rad bekam ich mit drei Jahren, mein erstes Mountain-Bike mit sechs, mein Vater fährt begeistert Rad und Bike-Zeitschriften gab es bei uns immer”, sagt Janssen, der 2005 die besonders spektakuläre Form des Mountainbikens entdeckte. „Ich hatte mit meinem Bruder Videoproduktionen wie „Kranked“ oder „New World Disorder“ gesehen und so kamen wir über CrossCountry auf Trialbike, Freeriding und Gravity Mountainbiking.“

Seitdem nutzt der 25-Jährige jede freie Minute zum Biken. „Die Besonderheit an dem Sport ist für mich die Herausforderung an mich selbst. Das Level, welches ich heute habe, weiter hoch zu schrauben. Meine Motivation ist einfach: Ich will immer Neues ausprobieren, mit dem Bike Neues lernen. Dabei ist es für mich sehr wichtig, nicht den Spaß am Sport zu verlieren.“

Biken (c)  Jonas Janssen

Biken (c) Jonas Janssen

Im Freundeskreis fand er Gleichgesinnte – inzwischen hat er mit Schaufel und Spaten ein Trainingsgelände angelegt und kann bei schlechtem Wetter eine Halle nutzen. „Die Akzeptanz ist groß, weil wir ja die Natur nutzen und genießen – wir zerstören nichts, allenfalls legen wir mal eine Schanze an.“ Das Miteinander ist trotz der international stetig wachsenden Fangemeinde immer noch angesagt. „Es gibt natürlich Unterscheidungen zwischen Amateuren und Profis. Aber das bezieht sich auf das unterschiedliche Level, auf dem sich die verschiedenen Fahrer befinden und darauf, ob man gesponsert wird oder nicht. Zwischenmenschlich sind wir wie eine größere Familie. Es dreht sich immer nur um zwei Sachen: Ums Radfahren und darum, miteinander eine gute Zeit zu verbringen. Das Gegeneinander-Fahren steigert das Level und man spornt sich gegenseitig an.“

Es gibt bisher keine Vereine. „Das „Vereinssystem“, wie man es aus anderen Sportarten kennt, ist zu streng und das Gravity-Mountainbiking dafür zu freigeistig. Gleichgesinnte findet man in den Ballungszentren, also in Bikeparks oder aber im Wald auf den Trails.“ Es gibt auch in Deutschland spezielle Orte für Gravity-Mountainbiking, beispielsweise Winterberg im Hoch-Sauerlandkreis, in Boppard im Rheintal oder Herborn.

Inzwischen finden Wettbewerbe auf der ganzen Welt statt. Spektakulär ist in Deutschland zum Beispiel der „Red Bull District Ride“ in Nürnberg. 62.000 Zuschauer feuerten im September die Welt-Elite der Freeride-Mountainbike-Szene an – mitten in der mittelalterlichen Altstadt zauberten die Könner auf fünf ausgefeilten Strecken spektakuläre Tricks in den Himmel. Bei den „Dirt Masters“ in Winterberg treffen alle einzelnen Kategorien aufeinander. Aber auch regional gibt es viele kleinere Events. So sind im Harz verschiedene MTB-Rennen geplant: am 26. April in Bad Harzburg (www.mtb-bad-harzburg.de), am 9. Mai in Hohegeiß/Sülzhayn und am 28. August in Schierke (www.endurothon.de). Und vielleicht sind ja auch wieder Tricks beim „Trendsporterlebniswochenende“ am 26. und 27. September auf dem Braunschweiger Kohlmarkt zu bewundern …

Biken (c) Jonas Janssen

Biken (c) Jonas Janssen

Wer mit dem Sport beginnen möchte, der kann das zumindest am Anfang mit einem ganz normalen Mountainbike machen. Kommt der Spaß dann rüber, sind kaum Grenzen gesetzt: „Für Dirt/Slopestyle benötigt man um die 800 bis 1.200 Euro. Das umfasst das Bike und die passende Schutzkleidung“, erklärt Janssen. „Zum Freeriden oder Downhill muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Die Preise für die Bikes gehen so bei 1.800 Euro los. Passende Ausrüstung kostet um die 500 Euro. Der Preis ist aber schwer davon abhängig, was man wirklich machen möchte.“

Spitzenfahrer wie Janssen sind weltweit unterwegs, davon leben können aber nur die wenigsten Profis. „Klar werden wir von Sponsoren unterstützt, aber 20.000 Euro im Jahr sind schon viel.“ Hier und da PR-Auftritte gehören dazu – auch als Botschafter für den faszinierenden Sport. „Das war der Grund, warum ich neben dem Radfahren Kommunikationsgrafik & Design studiert habe – meine zweite Leidenschaft, das Gestalten, kann ich auch mit meinem Sport verbinden.“ Und schließlich tickt auch beim Extremsport Gravity-Mountainbiking die biologische Uhr. Bis dahin wird Janssen die Fans aber noch eine Weile in Atem halten.

Und auch mal ganz oben sein? „Die Wettkampfatmosphäre ist sehr familiär und freundschaftlich. Das ist auch nicht gespielt oder wird künstlich erzeugt, wie es vielleicht in andern Sportarten zu sein scheint. Natürlich möchte man in der Wettkampfsituation zeigen, was man drauf hat. Aber man schaukelt sich zusammen auf dieses Niveau und unterstützt sich gegenseitig.“

Text Frank Kornath | Fotos Jonas Janssen

Kategorie:Extremsport

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