Eine Frage der Perspektive

Der frühere Bundestrainer der A-Nationalmannschaft, Frank Menz, bei seiner Vorstellung als neuer Headcoach und Sportdirektor der Basketball Löwen.

Der frühere Bundestrainer der A-Nationalmannschaft, Frank Menz, bei seiner Vorstellung als neuer Headcoach und Sportdirektor der Basketball Löwen.

Den Braunschweiger Bundesliga-Basketballern steht die schwierigste Saison der jüngeren Vereinsgeschichte bevor. Der im ligaweiten Vergleich ohnehin unterdurchschnittliche Etat der vergangenen Saison musste noch einmal deutlich gekürzt werden. Der ehemalige Bundestrainer der deutschen A-Nationalmannschaft, Frank Menz, hat nun als neuer Trainer und Sportdirektor der Löwen einen Balanceakt zu bewältigen: Er muss mit wenig Mitteln eine Mannschaft formen, die sich in der Bundesliga halten kann. Gleichzeitig muss er Entwicklungen anstoßen, die für Nachhaltigkeit im Braunschweiger Basketball sorgen.

Im März hatten die Löwen von einer drohenden Etatlücke von 850 000 Euro berichtet. In einem Interview hatte Löwen-Geschäftsführer Stefan Schwope erklärt, dass der Verein in diesem Falle mit einem Etat von nur noch 2,7 Millionen planen könne. „Die Differenz zum diesjährigen Etat wäre nur mit einer Kürzung des Teambudgets zu kompensieren“, sagte Schwope. Die Lizenz erhielten die Basketball Löwen zwar ohne Auflagen. Der Geschäftsführer räumte aber schon im März ein: „Wenn der Teametat um etwa 60 Prozent im Vergleich zu dieser Saison gekürzt werden muss, dann werden wir damit rechnen müssen, dass wir kommende Saison nicht die Playoffs anvisieren, sondern stattdessen das Wort Abstiegskampf in den Mund nehmen müssen.“

Aufgrund dieser Ausgangslage entschied sich Raoul Korner nach drei Jahren als Cheftrainer und Sportdirektor dazu, seinen Vertrag in Braunschweig nicht zu verlängern. Der Österreicher hatte – bezugnehmend auf den einschneidenden Ausstieg des Namenssponsors New Yorker vor zwei Jahren – schon früh erklärt, dass er „nicht noch einmal die Kraft haben werde, wieder bei Null anzufangen“. Korner zog es zum Bundesliga-Konkurrenten medi Bayreuth.

Kapitän Niko Simon (am Ball, hier gegen Alba Berlin) ist einer von nur drei Spielern, die aus dem Kader der vergangenen Saison übrig geblieben sind.

Kapitän Niko Simon (am Ball, hier gegen Alba Berlin) ist einer von nur drei Spielern, die aus dem Kader der vergangenen Saison übrig geblieben sind.

Nun also stellt sich Frank Menz der Herausforderung. Der gebürtige Berliner, der in den vergangenen zehn Jahren für verschiedene Auswahlteams des Deutschen Basketball Bundes (DBB) tätig war, zuletzt als Trainer der U20-Nationalmannschaft, will die Löwen allerdings nicht nur durch die bevorstehende Saison führen. Der 52-Jährige unterschrieb einen Vertrag über drei Jahre bis zum Ende der Saison 2018/2019. „Für mich ist es eine Chance, bei einem Bundesligisten über mehrere Jahre etwas zu realisieren“, erklärt Menz gegenüber der InSport-Redaktion. Ähnlich wie zuvor beim DBB habe er die Möglichkeit, „etwas über mehrere Jahre aufzubauen, zu entwickeln. Schon bei meiner Arbeit mit den Nationalmannschaften habe ich es extrem geschätzt, sehen zu können, wie sich die Spieler entwickeln – nicht nur auf dem Feld, sondern auch ihre Persönlichkeit betreffend. Diese Prozesse begleiten, den Spielern dabei helfen zu können, das ist großartig.“ Da die Löwen zu einem personellen Umbruch gezwungen waren, der mit einer Verjüngung des Teams (aktuelle Kaderliste siehe Faktenbox) einhergeht, wird Menz reichlich Möglichkeiten haben, die Entwicklung der Spieler voranzutreiben.

Trotz der schwierigen Ausgangslage sehe er in Braunschweig großes Entwicklungspotenzial, so Menz. Es sei besonders wichtig, eine Basis zu schaffen, um die Fans mitzunehmen. „Wir müssen Werte entwickeln – wofür stehen wir? Für den mittelfristigen Erfolg wird entscheidend sein, dass wir eine hohe Identifikation schaffen. Es gibt in Braunschweig und der Region sehr viele basketballbegeisterte Menschen. Unsere Aufgabe ist es, als Kollektiv aufzutreten, die Zuschauer mit unserer Art und Weise, Basketball zu spielen, so zu überzeugen, dass sie auch dann mit unserem Team eine Einheit bilden, wenn es mehr Niederlagen gibt als in der Vergangenheit“, erläutert der neue Löwen-Headcoach.

Um das zu erreichen, so Menz weiter, habe der Verein frühzeitig mit offenen Karten gespielt. „Wir müssen unserer eigenen Chancen in der neuen Saison realistisch einschätzen und das auch offen kommunizieren“, betont der 52-Jährige. Eine falsche Erwartungshaltung bei den Fans zu wecken, indem man die Play-offs als Ziel ausgibt, wäre schlicht falsch. Für die Löwen werde es in der neuen Saison um den Klassenerhalt gehen. Bei anderen Bundesligisten, beispielsweise in Tübingen oder Göttingen, gebe es eine gewisse Abstiegskampf-Tradition. Diese Teams könnten sich deshalb darauf verlassen, dass die Fans auch (oder gerade) dann ihre Mannschaft bedingungslos unterstützen, wenn es am Ende einer Saison mit nur wenigen Siegen in die entscheidenden Spiele um den Klassenerhalt geht. Diesen Support benötige nun auch Braunschweig.

Die Anhänger der Löwen müssen sich zunächst auf eine fast komplett neue Mannschaft einstellen. Fast alle Leistungsträger der vergangenen Saison haben den Verein verlassen, Senkrechtstarter Robin Amaize folgte seinem bisherigen Coach Raoul Korner nach Bayreuth. „Das ist für uns natürlich sehr schade, ich finde es aber auch nachvollziehbar, dass er dem Trainer folgt, der ihm in der vergangenen Saison das Vertrauen geschenkt hat, sich in der Bundesliga zu beweisen“, sagt Menz. Mit Kapitän Nico Simon, A2-Nationalspieler Sid-Marlon Theis und Youngster Lars Lagerpusch, der im Frühjahr am ersten Triumph einer deutschen U18-Auswahl beim traditionsreichen Albert-Schweitzer-Turnier maßgeblich beteiligt war, sind nur drei Spieler aus dem letztjährigen Löwen-Kader übrig.

Mit Luis Figge und Constantin Ebert kamen zwei Perspektivspieler hinzu, mit denen Menz schon bei der U20-Nationalmannschaft zusammenarbeitete. Center Geoffrey Groselle kommt direkt vom College, der zweite US-Amerikaner Carlton Guyton spielte zuletzt für den Pro A-Zweitligisten Gotha. Bundesliga-Erfahrung bringt von den bisherigen Neuzugängen nur Tim Schwartz (28) mit, der vom Absteiger Crailsheim Merlins an die Oker wechselte. „Wir werden auf jeden Fall noch zwei, drei Spieler holen, die schon über Erfahrungen in den oberen Ligen verfügen, die das Team auch führen können“, sagt Menz mit Blick auf die weitere Kaderplanung. Insbesondere für die großen Positionen suchen die Löwen zurzeit nach den geeigneten Verstärkungen.

Das Kader-Puzzle zusammenzufügen, gestaltet sich angesichts der begrenzten Mittel als alles andere als einfach. Selbst, dass die Löwen in der Vergangenheit schon oft bewiesen haben, dass sie auch jungen Spielern Chancen bieten, sich in der Bundesliga zu behaupten – wie zuletzt bei Amaize oder Theis – sei es „schwierig, Talente zu bekommen. Heutzutage haben selbst junge Spieler praktisch alle schon Agenten. Bei denen hat der Basketball-Standort Braunschweig zwar einen guten Ruf. Der allein reicht als Argument aber nicht mehr aus, wenn andere Vereine deutlich mehr Geld und dazu noch Top-Strukturen bieten können“, schildert Menz. Deshalb sei für den weiteren Weg der Basketball Löwen enorm wichtig, auch selber weiter beziehungsweise verstärkt auszubilden.

Mit Blick auf externe Talente unterstreicht der neue Löwen-Coach: „Um für junge Spieler attraktiv zu sein, braucht man Top-Bedingungen.“ Dazu gehören beispielsweise das Nachwuchsprogramm, die Geschäftsstelle oder die Trainingshalle. Vor diesem Hintergrund fließe in dieser Saison auch nicht das gesamte Geld in den Kader, sondern auch in die Strukturen. Diese „Top-Bedingungen“ zu schaffen, sei jedoch ein längerer Prozess, so Menz weiter. Mit der Kooperation mit den MTV Herzögen Wolfenbüttel sei im vergangenen Jahr schon ein wichtiger Eckpfeiler der Ausbildung eingeschlagen worden. Beim Pro B-Zweitligisten werden in der neuen Saison Figge, Ebert und Lagerpusch wichtige und wertvolle Spielpraxis sammeln können.

Menz, der 2013 die deutsche A-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft betreute, hat in den nächsten Wochen und Monaten eine echte Herkules-Aufgabe zu stemmen. Allzu viel Zeit für seine beiden wichtigsten Hobbys abseits des Basketballs wird ihm bis zum Saiosnstart – der vorläufige Spielplan der Beko-BBL sieht diesen vom 23. bis 25. September vor, dann mit einem Auswärtsspiel bei Aufsteiger Rasta Vechta – wohl nicht bleiben. Der 52-Jährige liest leidenschaftlich gern. „Ansonsten gehört jede freie Minute meiner Familie“, sagt der Vater dreier Töchter. „Denn aus der Zeit mit meiner Familie ziehe ich meine Kraft.“ Und diese will er wiederum in den nächsten drei Jahren voll ung ganz in das „Projekt Basketball Löwen“ stecken.

Text: Jens Semmer

Fotos: Ingo Hoffmann

Kategorie:Allgemein, Basketball
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