Die Kraft aus dem Anzug

EMS(c)Privat

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EMS 3.0 – Update für das Elektro-Training

Im Leistungssport und in der Reha ist Elektromuskelstimulation, kurz EMS, nicht mehr wegzudenken. Durch Elektroden werden Muskeln gezielt trainiert – so eine Art Reizstromtherapie für die Fitness. Die Aussicht ist verlockend – in 25 Minuten ein komplettes Workout …

Bisher konnte das EMS-Training seine medizinische Herkunft kaum verbergen. Einsam an einer Säule stehen, verkabelt und auf die Impulse warten – da gibt es Sachen, die mehr Spaß machen. Bisher. Denn EMS (oder HIT-Training) geht jetzt anders – und kann auch kombiniert werden, mit Pilates oder Fitboxing zum Beispiel, mit Yoga oder Zirkeltraining. Kabel? Das war gestern. Hocheffizientes Training geht auch im Park, am Strand, in Verbindung mit einem Street-Workout … Möglich wird das durch neu entwickelte High-Tech-Anzüge, die man sich sogar leisten kann – zu Preisen ab 150 Euro …

„Wir haben mit einem fünfzehnköpfigen Ärzte- und Wissenschaftsteam in Leipzig viele Jahre an der Entwicklung dieser Technologie gearbeitet und die halbe Welt nach entsprechenden Materialien abgesucht“, erzählt der Düsseldorfer Henri Schmidt, Geschäftsführer der CH medical systems AG Schweiz. „Ziel war es, ein flexibles, hoch effektives System zu finden, das höchste Individualität ermöglicht und ohne stationäre Anbindung auskommt.  Ohne Kabel und ohne Wasserduschen.“ Möglich wird das durch die Nutzung von federleichten Anzügen, die wie eine zweite Haut anliegen, aber voller High-Tech stecken. Neuentwickelte hochleitungsfähige Garne, flexible Elektroden und modernste Fasern einerseits und Bluetooth-Technologie andererseits sind die Grundlagen für die neue Flexibilität. Trainer erhalten persönliche Daten aufs iPad, können optimale und ganz individuelle Trainingsprogramme entwickeln, Wirkungen sofort sehen, Überbelastungen verhindern und Defizite gezielt trainieren. Und: Nach dem Training wandert der eigene Anzug einfach in die Waschmaschine!

Darauf gekommen ist Henri Schmidt übrigens in Gifhorn. Der Kraftsportler besuchte einen der Pioniere der EMS-Geräte, Harald Lütkemüller, in seinem Gesundheitspark, und probierte die ersten Bodytransformer aus. „Die Wirkung damals war beeindruckend – aber der Kabelkram und die mangelnde Flexibilität haben mich schon sehr gestört. Ich wollte ein aktives Training und dachte: Das muss doch gehen!“ Die Entwicklung ist auch in Gifhorn weitergegangen. Aber einfach mal so auf der Terrasse ein HIT-Training machen – das war bisher nur ein Traum.

Die federleichten Anzüge machen das nun möglich. Erste Prototypen hatten viele Nachteile – in manchen Anzügen wurde es etwa zu schnell heiß. Atmungsaktive Materialien mussten her – aber die leiteten nur mäßig. Das Entwicklungsteam gab nicht auf: „Aktiv haben wir vier Jahre Praxistests hinter uns, viele Pleiten erlebt, Rückschläge, Enttäuschungen hinnehmen müssen – aber jetzt werden die ersten Anzüge ausgeliefert!“ 15 Wissenschaftler der  Uni Leipzig haben intensive Testreihen durchgeführt – und bleiben auch weiter an dem Projekt dran, das nun die Sport-und Fitnesswelt revolutionieren soll.

Erste Studios in ganz Europa entstehen. Die erinnern wieder eher an klassische Fitnessstudios, mit Zirkeltraining-Tower zum Beispiel. Denn ohne Kabel geht nun alles gleichzeitig – schneller und effektiver. „Wir liefern die Anzüge bereits weltweit aus und haben im Ruhrpott eine Akademie für Bodycoaches gegründet“, sagt Schmidt. Auf Mallorca in Portixol nahe Palma betreibt er ein ganz neues Pilotstudio, „weil viele im Urlaub auch gern mal was Neues ausprobieren und die unterschiedlichsten Menschen kommen. Fitnessfreunde aber auch Leistungssportler, die das Klima hier immer wieder nutzen“.

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Bei der Entwicklung der neuen Anzüge stieß das Entwicklungsteam auch auf tiefenwirksamere Spannungsfrequenzen. „Damit werden nun andere Muskelregionen während des Trainings erreicht.“ Über eine Black-Box am Anzug steuern Personal Coaches die Intensität jeder einzelnen Muskelpartie und können sogar das Ansprechverhalten von sanft bis intensiv einstellen. Bis zu acht Personen können gleichzeitig ein Zirkeltraining machen und dennoch jeweils ein anderes Programm erleben.

Allerdings: Die oftmals angenommene These, EMS-Training sei „Training für faule Sportmuffel“ ist gründlich überholt. Intensives Warmmachen ist eine Grundvoraussetzung, und dann geht es ohne Pause in verschiedenen Übungen zur Sache – 20 bis 30 Minuten. „Das entspricht einem intensiven vierstündigen Workout für den gesamten Körper“, so Schmidt. Zweimal die Woche Training reichen aus, um seine Fitness deutlich auszubauen.

Schmidts Vision: „Es sollen in ganz Europa kompakte Studios entstehen, damit mobile Menschen mit ihrem Anzug überall problemlos trainieren können. Auch Braunschweig steht bereits auf der Ausbaukarte, wahrscheinlich im neuen BraWo Park.

Im nächsten Schritt dann auch ganz einfach zu Hause? „Nein“, sagt Schmidt, „wir bewegen uns hier im Intensiv-Trainingsbereich, gehen mit Strom um. Das sollte besser mit geschulten Trainern gemacht werden.“ Es gibt aber schon Anbieter, die auch diesen Schritt machen wollen.

Den Traum, auf dem Sofa mit einer Chips-Tüte zu lümmeln und dabei fit zu werden, können aber auch sie nicht wahrmachen. Und, ganz ehrlich: Ein erarbeiteter Muskelkater macht ohnehin glücklicher. Den erlebt man im eigenen Anzug an Stellen, an denen man bisher nicht wusste, dass dort überhaupt Muskeln vorhanden sind.

Text Frank Kornath
Fotos Privat

Kategorie:Fitness

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