Die Energie des Körpers

ba0166c7a50d96eb270097f3f911e08a

»Toleranz« bei den Movimentos Festwochen 2013

Im Bereich des zeitgenössischen Tanzes sind die Movimentos Festwochen zu einem der wichtigsten Festivals der Welt geworden – 2003 gegründet, lockten die Aufführungen in der Autostadt schnell die wichtigsten Tanzkompanien der Welt nach Niedersachsen. Im letzten Jahr besuchten über 32.000 Gäste die zahlreichen Veranstaltungen. Die 11. Movimentos Festwochen (www.movimentos.de) finden vom 2. April bis 5. Mai in der Region statt – „Toleranz“ lautet das diesjährige Oberthema.

 

Man sagt, der Tanz verrät eine Menge über die zugehörige Gesellschaft, man kann geradezu aus den sich bewegenden Körpern die zugehörige Stimmung ablesen: War der Tanz vor 300 Jahren noch ein hierarchisches geordnetes Großereignis mit streng zugeordneten Paaren im Gleichschritt, ist er heute individuell, regellos, zügellos, leistungsorientiert. Nirgendwo dürften sich Sport und (Hoch-)Kultur so dicht annähern wie in den herausragenden Inszenierungen des Balletts, des zeitgenössischen Tanzes. Präzise Beherrschung und völlige Kontrolle sind nötig, um den Körper sprechen, schreien, aggressiv werden, verzweifeln zu lassen – immer in Koordination mit einer gesamten Gruppe von Tänzern. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb bleibt der zeitgenössische Tanz, der das Herzstück von Movimentos ausmacht, vielen heute allerdings verschlossen.

Bernd Kauffmann, gemeinsam mit Maria Schneider Künstlerischer Leiter der Movimentos Festwochen, möchte diese Angst vorm Tanz bereits im Vorfeld nehmen: „Das, was wir in diesem Jahr präsentieren, ist ausnahmslos dermaßen hart, hoch energetisch und springt über die Rampe. Das, was in Deutschland vielfach als Ballett oder Zeitgenössischer Tanz verstanden wird, ist, wenn ich das so sagen darf, eine melancholische Schritteverwaltung. Die Produktionen, die bei uns gezeigt werden, sind das erklärtermaßen nicht. Um es mal ganz salopp zu sagen: In den meisten Produktionen passiert etwas Hochlebendiges, das berührt.“ Insgesamt fünf Tanzkompanien, die zur Weltspitze gehören, sind im Kraftwerk der Autostadt zu sehen, dazu kommt die Movimentos Akademie, die eigene Nachwuchsklasse, die mit ihrer eigenen Inszenierung im Theater Wolfsburg und im Braunschweiger Staatstheater auftreten wird.

Mit dabei ist das israelische Ensemble Kibbutz Contemporary Dance Company, das von einer Holocaust-Überlebenden gegründet wurde, mit der Deutschland-Premiere „If At All“. Hier scheinen die Tänzerinnen und Tänzer in „Seen aus Farbe“ zu schweben – die Kompositionen aus Licht und Bewegung erzeugen ungreifbare, mythische Bühnenwelten. Zum ersten Mal in Wolfsburg ist das afrikanische Ensemble Jant-bi Jiggen zu sehen, das durch intensiven Tanz die Situation des heutigen Afrika näherbringen möchte – neben der reichhaltigen afrikanischen Kultur geht es auch um die vielen Probleme auf dem Kontinent. Ebenfalls zur globalen Spitze gehört die São Paulo Companhia de Dança – die brasilianische Tanzkompanie zeigt unter anderem eine Weltpremiere und findet für die Eleganz, aber auch das Feuer und die Leidenschaft Brasiliens die richtige (Körper-)Sprache. Als Mischung aus Don Quichotte und Louis de Funès versteht sich die Deutschlandpremiere von José Montalvo, der durch bizarre Bühnen-Bewegungen und Slapstick die Welt und das „Normale“ in Frage stellt. Bei dem Fabulous Beast Dance Theatre schließlich verwandeln sich die beiden Ballett-Klassiker „Das Frühlingsopfer“ und „Petruschka“ von Igor Strawinsky in eine bedrohliche Opfer-Zeremonie voller merkwürdig-grotesker Kreaturen.

Neben den herausragenden Tanzdarbietungen werden die Movimentos Festwochen ergänzt durch ein umfangreiches Programm mit Theater, Lesungen, Matineen und Konzerten, darunter auch zwei Auftritte der Berliner Hardrock-Band Rammstein. Die Veranstaltungen finden in der Autostadt, aber auch an anderen Orten der Stadt Wolfsburg und Umgebung statt. Bernd Kauffmann fasst es so zusammen: „Zeitgenössischer Tanz kann tatsächlich manchmal eine unendlich langweilige, zähe, total verkopfte Veranstaltung sein. Aber das ist er hier nicht. Das hier sind alles körperlich extrem trainierte Leute. Wenn ich manche Übungen sehe, muss ich sagen, sind diese Compagnies, was das Training und die Körperbeherrschung betrifft, sportlich besser drauf als so manche Teilnehmer bei den Olympischen Spielen.“

 

Text: Sebastian Heise Foto: Orlando Mourao Castro

Kategorie:Tanzen

Facebook