Der Motorsport ist extrem teuer geworden

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Die entscheidenden Zehntel:
DTM-Fahrer Timo Glock im Interview

Bisher haben es nur drei Formel-1-Fahrer geschafft, in der DTM ein Rennen zu gewinnen. Zu groß sind die sportlichen Unterschiede, zu groß die Bedeutung von Zehntelsekunden. Einer von ihnen: Timo Glock. Mit dem Ziel, diesmal konstant zu punkten, geht er nun in seine zweite Saison.

inSport Timo, nach Jean Alesi und Mika Häkkinen bist du erst der dritte ehemalige Formel-1-Fahrer, dem ein Sieg in der DTM gelungen ist, als du vergangene Saison das letzte Rennen – auf dem Nürburgring – gewinnen konntest. Ist bei dir, nach einer eher durchschnittlichen Saison, jetzt der Knoten geplatzt? Fährst du in 2014 daher um die vorderen Plätze?
Glock Das müssen wir mal abwarten. Es ist immer gefährlich, so eine Aussage zu treffen. Speziell in der DTM – hier liegen fast alle Fahrer sehr, sehr eng zusammen … Jetzt haben wir ja mit dem M4 ein neues Auto, und müssen jetzt erst einmal die Tests abwarten. Vielleicht wird es auch noch bis zum Qualifying dauern, bis man eine Einschätzung geben kann … Dennoch ist es schon ein gutes Gefühl, sich mit einem Sieg aus der letzten Saison verabschiedet zu haben. Das ist ein gutes Zeichen für dieses Jahr. Mein Ziel ist es aber nicht, gleich das erste Rennen zu gewinnen, vielmehr möchte ich konstant viele Punkte erfahren.

inSport Warum fällt es ehemaligen Formel-1-Fahrern so schwer, in der DTM Fuß zu fassen?
Glock DTM-Fahrzeuge sind anders konzipiert. Die Formel-1-Autos sind im Vergleich sehr leicht und haben sehr viel Leistung, einen guten aerodynamischen Antrieb. Das ist jetzt nicht das komplette Gegenteil, ein DTM-Fahrzeug hat auch einen guten aerodynamischen Antrieb – es ist aber fast doppelt so schwer. Auch die Leistung ist geringer. So muss man seinen Fahrstil komplett ändern. Das bedeutet jetzt zwar nicht, dass man als ehemaliger Formel-1-Fahrer mit drei Sekunden hintendran ist, ein paar Zehntel fehlen dann aber schon – und die können in der DTM schon mal zehn bis 15 Plätze ausmachen. Diese Zehntel zu finden, das ist das Schwierige.

inSport Gibt es noch andere Unterschiede im Vergleich zur Formel 1?
Glock Ein Unterschied wäre noch das andere Fan-Konzept. Die DTM ist sehr Fan-nah, man hat ein offenes Fahrerlager, wo die Fans sehr nah herankommen können – und das ist ja das komplette Gegenteil zur Formel 1. Auch kommt es in der Formel 1 verstärkt auf das Auto an, hier liegt es eher am Fahrer und an seinem Team, ob die Saison erfolgreich verläuft.

inSport Wieviel Prozent trägt die Technik des Autos zum Sieg bei, und wieviel der Fahrer?
Glock Natürlich muss das Auto schnell genug sein, um vorne mitfahren zu können. Das ist klar. Aber der Anteil des Fahrers und seines Teams ist schon sehr hoch. Gerade was die Boxenstopps angeht, ist das unheimlich wichtig. Wenn wir da zwei Sekunden verlieren, ist es unheimlich schwierig, die auf der Strecke wieder reinzuholen. Dazu sind die Rennen teilweise sehr kurz, und auch die Abstände zwischen den Autos sehr gering – deswegen ist die Kombination aus Fahrer und Team sehr, sehr wichtig.

inSport Du hast ja deinen neuen Wagen, den BMW M4, schon angesprochen – inwiefern stellt dieses Fahrzeug eine Veränderung, eine Verbesserung dar?
Glock Wir haben viel an diesem Fahrzeug gearbeitet … was die mechanische Seite angeht, haben wir versucht, ein paar Sachen zu ändern. Das Auto sieht hauptsächlich an der Front etwas anders aus – dementsprechend auch dem M4 sehr ähnlich –, im Fokus stand aber eine Verbesserung der Aerodynamik. Das gilt aber nicht nur für uns, auch die Jungs von Audi und Mercedes haben natürlich den Winter genutzt.

inSport Versuchst du eigentlich, dich über die DTM wieder für die Formel 1 zu empfehlen?
Glock Das gab es in der Vergangenheit ja immer wieder … Paul di Resta zum Beispiel hat es geschafft, als DTM-Meister in der Formel 1 zu landen. Ich bin momentan aber so fokussiert auf die DTM, dass für mich die Formel 1 eigentlich zweitrangig ist. Auch weil es momentan unheimlich schwierig ist, in die Formel 1 zurückzukommen, ohne dass man ganz, ganz viel Geld mitbringt. Und das habe ich nicht zur Verfügung. (lacht)

inSport Dein Beruf ermöglicht es dir, die unterschiedlichsten Länder dieser Welt kennenzulernen. In welchem Land hast du dich bisher am wohlsten gefühlt?
Glock Sportlich gesehen, habe ich mich in Singapur am wohlsten gefühlt. Da habe ich sehr gute Rennen in der Formel 1 abgeliefert – und stand auch das ein oder andere Mal auf dem Podium … Aber das mit Abstand beste Rennen war für mich immer noch Australien in Melbourne. Das war ein absolutes Highlight! Australien ist ein Land, in dem ich gerne mehr Zeit verbringen würde …

inSport Hast du, wenn du sportlich unterwegs bist, überhaupt die Zeit, dir die Länder aus einer touristischen Perspektive anzuschauen?
Glock Leider nur ganz wenig. Australien ist da eine Ausnahme, wegen der großen Zeitumstellung. Da ist man dann schon mal anderthalb Wochen früher hingeflogen, um sich entsprechend umzustellen. Da hatte man dann wirklich Zeit, sich ein wenig mit dem Land zu beschäftigen. Aber alles andere ist eher so: Man fliegt sehr spät hin, ist im Hotel oder auf der Rennstrecke – und das wars.

inSport Wenn du auf deine bisherige Karriere zurückblickst: Was war der schönste Moment?
Glock Der schönste Moment war damals, 2007, als ich die GP2-Serie gewonnen habe, die es mir ermöglicht hat, in die Formel 1 einzusteigen. Und dann sicherlich noch mein erster DTM-Sieg, im letzten Rennen in Hockenheim – dieser Sieg beendete eine sehr lange Durststrecke. Dann mal wieder in der Mitte des Podiums zu stehen, das war ein absolutes Highlight.

inSport Was ist dir hingegen weniger gut in Erinnerung geblieben?
Glock 2009 in Zuzuka … hier hatte ich so einen schlimmen Unfall – mein Bein war stark verletzt –, dass ich die letzten Rennen nicht mehr fahren konnte.

inSport Fährt man nach so einem Erlebnis irgendwie anders, vielleicht sogar vorsichtiger? Zumal du ja auch gerade Vater geworden bist …
Glock Nee, auf der Rennstrecke sind das Themen, über die man nicht nachdenkt. Sobald man ins Auto steigt, fokussiert man sich auf seinen Job und versucht, alles andere beiseite zu schieben. Und das funktioniert eigentlich auch ganz gut – auch jetzt, wo ich Vater geworden bin.

inSport Was ist die beste Rennstrecke, die du je gefahren bist?
Glock Singapur, definitiv. Dadurch, dass es ein Nachtrennen ist. Dadurch, dass es in der Stadt ist. Sicherlich eine meiner größten Herausforderungen. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht.

inSport Wie beurteilst du die Strecke in Oschersleben?
Glock Die Streckenführung finde ich sehr spannend, und auch nicht wirklich einfach. Der einzige Nachteil ist: Es ist unheimlich schwer, in Oschersleben zu überholen. Wenn die Strecke etwas breiter und die eine oder andere Gerade etwas länger geworden wäre, dann hätte man sehr gute Überholmöglichkeiten gehabt … Das ist aber auch schon der einzige Nachteil. Die Streckenführung an sich ist echt gut. Und sehr anspruchsvoll, gerade was diese Schikane – hinten, bevor man auf die Gegengerade kommt – angeht. Da gibt es sehr spektakuläre Bilder zu sehen.

inSport Gehen wir noch mal ein wenig in deine Vergangenheit: Wie bist du überhaupt zum Motorsport gekommen?
Glock Eigentlich habe ich aus Spaß angefangen, Kart zu fahren und hab’ mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, das professionell zu betreiben. Irgendwann bin ich dann mal bei einem Rennen mitgefahren – und das hat gar nicht so schlecht ausgeschaut. Ab diesem Zeitpunkt ging das dann relativ schnell: Ich bin zwei, drei Jahre Kart gefahren, und wagte dann den nächsten Schritt. Ich habe aber auch Glück gehabt, die richtigen Leute an meiner Seite gehabt zu haben. Schritt für Schritt habe ich mich dann mit guten Leistungen hochgearbeitet.

inSport Und wie bist du am Anfang zum Kart-Sport gekommen?
Glock Durch einen Freund. Ein guter Freund von mir hatte damals ein Kart gekauft und mich gefragt, ob ich mal mitkommen will. Ich sagte nur: „Ja, gerne“, bin dann mal eine Runde mitgefahren – und war sofort infiziert.

inSport Welche Tipps würdest du einem angehenden Rennfahrer mit auf den Weg geben?
Glock Man muss von sich überzeugt sein und hart an sich arbeiten. Entscheidend ist auch, die richtigen Leute zu kennen, Leute, die einen fördern und nach vorne bringen. In der heutigen Zeit ist es aber, aufgrund der hohen Kosten, schwieriger geworden, Rennfahrer zu werden. Der Motorsport ist extrem teuer geworden. So muss man irgendwie schauen, dass man Sponsoren findet. Und das ist das Schwierigste.

inSport Was war dein erstes Auto?
Glock Ein BMW 318 i kompakt. Den habe ich damals von einem Autohaus zur Verfügung gestellt bekommen.

inSport Welche Meinung hast du als Rennfahrer zu Elektroautos, zu Hybrid-Autos?
Glock Also … ich bin letztes Jahr in Berlin den BMW i3 gefahren, und den i8 in Leipzig. Am Anfang hab ich mich damit gar nicht anfreunden können. Aber als ich die ersten Meter damit gefahren bin, war das schon krass. Diese Autos machen viel Spaß und sind, gerade, wenn man in der Stadt wohnt, eine echte Alternative. Und weil sich das Tankstellen-Netz konstant erweitert, habe ich selber schon über ein Elektroauto nachgedacht. Die sind ideal für kurze Wege.

inSport Vermisst du als Rennfahrer da nicht die typischen Motorengeräusche?
Glock Da habe ich am Anfang, weil die Beschleunigung so imposant war, gar nicht darauf geachtet. Wenn man aber länger im Auto sitzt, ist das schon ein Thema. Es ist komisch, nur Summen und Windgeräusche zu hören.

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Der DTM-Kalender 2014

4. Mai Hockenheimring Baden-Württemberg (D)
18. Mai etropolis Motorsport Arena Oschersleben (D)
1. Juni Hungaroring Budapest (UNG) 29. Juni Norisring (D)
13. Juli Moskau Raceway (RUS)
3. August Red Bull Ring Spielberg (A)
17. August Nürburgring (D)
14. September Lausitzring (D)
28. September Guangzhou (CHN)
19. Oktober Hockenheimring Baden-Württemberg (D)

Das perfekte Dinner

… vor einem DTM-Rennen von Timo Glock

Hauptspeise Pasta mit Gemüse der (Renn-)Saison
Nachtisch Eine Banane
Dazu Literweise Wasser („In einem DTM-Wagen kann es schon mal bis zu 60 Grad heiß werden!“)

Text Nils-Andreas Andermark, Kathleen Kalle
Fotos fotostachelhaus.de

Kategorie:Motorsport

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