Der lachende Verlierer

DFB-Pokal©Jenne Frey

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DFB-Pokal: Eintracht vs. Reutlingen – da war doch mal was …

Zufall? Riss im Raum-Zeit-Kontinuum? Fehler in der Matrix? Oder einfach nur eine weitere skurrile Fußball- beziehungsweise Pokalgeschichte? Was auch immer sich am 25. und 30. August 2002 im Eintracht-Stadion abgespielt hat – so richtig begreifen konnte es keiner.

Wir schreiben das Jahr 2002. Der Euro wird eingeführt – und die Währung, die den Handel den europäischen Markt stärken soll, reißt den DAX erstmals seit Anfang 1997 unter die Marke von 3.000 Punkten. Deutschland verliert das WM-Finale gegen Brasilien mit 0:2 – nach einem Torwartfehler von Oliver Kahn, der bis zu diesem Zeitpunkt ein perfektes Turnier absolviert hatte, im Vorfeld nur einmal hinter sich greifen musste. Und die Eintracht aus Braunschweig spielt seit neun Jahren erstmals wieder zweitklassig – und erlebt eine ihrer kuriosesten Wochen der Vereinsgeschichte, die wichtige Punkte und ganz viel Selbstvertrauen für den Klassenerhalt kostete.

Die Zweitligasaison 2002/2003 war gerade mal zwei Spieltage alt. Solide starteten die Löwenstädter in die neue Spielzeit: Den spektakulären Auftakt, daheim gegen Waldhof Mannheim, gewann man mit 4:2, die darauffolgende Auswärtspartie gegen Rot-Weiß Oberhausen ging mit 0:2 verloren. Drei Punkte, Platz acht. Alles gut.

Und dann kam der SSV Reutlingen, im Doppelpack – erst Liga, dann Pokal. Jeweiliger Austragungsort: die Hamburger Straße. Die mittlerweile fünftklassigen Baden-Württemberger waren damals mit einem Minus von sechs Punkten wegen Verstoßes gegen Lizensierungsauflagen sowie mit zwei Niederlagen in die Saison gestartet und standen infolge ganz am Ende der Tabelle. Das drückt auf die Moral. Nicht verwunderlich, dass die von Peter Vollmann trainierten Löwenstädter schnell in Führung gingen. Mittelfeldspieler Jacob Thomas, ein waschechter Texaner, erzielte bereits in Minute vier das verdiente 1:0. Trotz zahlreicher Chancen, die Führung auszubauen, wollte den Löwen allerdings kein weiterer Treffer mehr gelingen. Vergebene Möglichkeiten, die Reutlingen aufbaute. Spätestens zur zweiten Halbzeit war der SSV am Drücker, der in der 47. Minute durch Nico Frommer folgerichtig das zwischenzeitliche 1:1 markierte. Eintracht war nunmehr völlig verunsichert; Ballverluste und Unkonzentriertheiten ohne Ende. Es kam wie es kommen musste … und Frommer erzielte kurz vor Schluss den 2:1-Siegtreffer für die Gäste, diesmal per Foulelfmeter.

So etwas bleibt erst mal in den Köpfen, insbesondere dann, wenn fünf Tage später der Gegner schon wieder Reutlingen heißt! Dementsprechend verunsichert zeigten sich die Blau-Gelben. An eine frühe Führung war nicht zu denken – vermutlich auch wegen des geänderten Systems, das mit einem Libero, mit Thomas Ridder, schon damals als antiquiert galt, irgendwo in Standfußballzeiten der 70er Jahre zu verorten ist. Dass Reutlingen noch vor dem Pausenpfiff, durch Patrick Würll, die Führung gelang, hat da nur wenige verwundert.

Manch einer dachte jedoch: Gewinnt die Eintracht jetzt noch mit 2:1, so wie die Reutlinger fünf Tage zuvor? Sind die Rollen nun vertauscht? Es sah ganz danach aus: Trainer Vollmann variierte das System und der BTSV kam vermehrt, insbesondere über die rechte Seite, zu Einschussmöglichkeiten, erzielte folgerichtig in Minute 62 das 1:1.

Der Torschütze: Michél Mazingu-Dinzey, der übrigens über drei Nachnamen verfügt (Michél Mazingu-Sinda-Dinzey) und inzwischen als Scout für die TSG Hoffenheim arbeitet.
Die Löwen wollten nun den Sieg, die Revanche für das Ligaspiel. Vielleicht zu sehr, denn gerade einmal sieben Minuten nach dem Ausgleich war es erneut Patrick Würll, der die mittlerweile zu weit aufgerückte Abwehr düpierte. Es blieben noch rund 20 Minuten, ein Treffer wollte aber nicht mehr fallen.

Fazit: Zwei Heimspiele gegen Reutlingen in Folge, zwei 1:2-Niederlagen, zweimal zwei Tore von einem Reutlinger Stürmer. Da kann man eigentlich nur noch ungläubig den Kopf schütteln und lachen – so wie damals Eintracht-Kapitän Jürgen Rische …

28. Oktober
SSV Reutlingen 05 versus Eintracht Braunschweig
Anstoß um 20.30 Uhr im Stadion an der Kreuzeiche in Reutlingen

DFB-Pokal©Nina Stiller

DFB-Pokal©Nina Stiller

Und am Ende auch noch der Abstieg
Drei Punkte fehlten der Eintracht, die sich kurz nach dem Pokalaus von ihrem Trainer trennte, am Ende der Spielzeit für den Klassenerhalt. Drei Punkte, die der SSV Reutlingen aus dem Eintracht-Stadion entführte. Mini-Trost: Auch der SSV stieg damals ab, sogar einen Punkt und Platz schlechter als die Eintracht – und ist seitdem, auch wegen finanzieller Probleme, nicht mehr im Profifußball aufgetaucht. Aktuell spielen die Baden-Württemberger in der Oberliga.

Text Nils-Andreas Andermark
Fotos Jenne Frey, Nina Stiller

Kategorie:Fußball

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