3:0-Traum(a)

Furchner Endras (c) EHC Wolfsburg

Furchner Endras (c) EHC Wolfsburg

Grizzlys fliegen im Halbfinale aus den Playoffs

Immer wieder blitzte die Qualität und Teamstärke der Grizzly Adams in den Playoffs durch. Der Underdog unter den großen Vereinen kämpfte bis zum Schluss und immer wieder schien auch der Traum vom Finaleinzug nicht zu hoch gegriffen …

Immerhin schon dreimal in Folge schafften es die Grizzly Adams nun ins Halbfinale der DEL-Playoffs. 2013 sogar vom letztmöglichen zehnten Tabellenplatz. Da konnte man 2015 von Platz sieben ja schon fast den Einzug ins Finale erwarten. Aber es kam ganz anders …

Durchmarsch mit Startschwierigkeiten
Schon in der Best-of-three-Serie gegen die Krefeld Pinguine machten die Wolfsburger es so spannend wie möglich: In Spiel eins fiel die Entscheidung für die Grizzlys erst durch ein Tor von Tyler Scofield in der Overtime (78. Minute, 4:3). In der zweiten Begegnung machte ein Sieg der Krefelder (2:0) dann die Entscheidungspartie notwendig und auch in Spiel drei fiel das Ergebnis pro SKODA-Team erst im letzten, hart umkämpften Drittel. Maßgeblich hatte Kapitän Tyler Haskins für den 3:2-Sieg gesorgt. Auf Stürmer Aleksander Polaczek allerdings mussten die Wolfsburger zu diesem Zeitpunkt bereits verletzungsbedingt verzichten. Es könnte also knapp werden – so dachte man zumindest noch vor dem Viertelfinale.

In der Best-of-seven-Serie stellte sich der EHC Red Bull München dann aber als wesentlich günstigerer Gegner heraus. Vier Spiele, vier Siege. Eine klare Sache. Die beiden Auswärtsspiele in der Olympia-Eishalle blieben dank Keeper Felix Brückmann sogar ohne Gegentreffer. Schade nur, dass sich Verteidiger Nick Schaus schon im ersten Spiel zu Peter Lindlbauer, Robbie Bina, Norm Milley und Mark Voakes auf die Bank gesellen musste, da er wegen eines Kopf-Checks gesperrt wurde.

EHC (c) EHC Wolfsburg

EHC (c) EHC Wolfsburg

Halbfinale mit Hindernissen
Falls dem Team von Coach Pavel Gross der Viertelfinaldurchmarsch zu Kopf gestiegen sein sollte, so holte spätestens die erste Partie des Halbfinals die Grizzly Adams wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Erneut fiel die Entscheidung erst in der Nachspielzeit – dieses Mal allerdings zu Gunsten der Vorrundenersten und Favoriten Adler Mannheim. Das ehemalige Team von Keeper Brückmann konnte tatsächlich einen Rückstand von 0:3 im zweiten und dritten Spielabschnitt wieder einholen. Letztlich fälschte der Texaner Jon Rheault einen Schuss von Teamkollegen Sinan Akdag ins EHC-Tor ab und entschied das Spiel mit 5:4 für Mannheim. Kein Grund, die Hoffnung aufzugeben – so dachte man zumindest nach Spiel eins.

Dann aber folgte im zweiten Spiel das Unglaubliche: Nachdem der erste Mannheimer Treffer durch Videoanalyse als Torraumabseits gewertet wurde, fielen in Minute sechs das erste, in Minute acht zwei weitere Tore (Scofield, Stas, Likens). Noch einmal eine 3:0-Führung verspielen? Das schien sehr unwahrscheinlich. Doch noch im ersten Drittel (10, 17) zogen die Mannheimer nach zwei Strafen gegen den EHC wieder mit zwei Treffern nach – und ließen es sich nicht nehmen, bei Fünf-gegen-drei-Überzahl den Ausgleich zu holen. Im letzten Drittel zeigte sich die Qualität der Quadratestädter noch einmal beim Powerplay: In Minute 57 und 59 nutzen sie zwei sich bietende Chancen – die letzte öffnete sich durch ein leeres Tor.

Auch in Spiel drei aus maximal sieben haperte es bei den Grizzly Adams oft am eigenen Powerplay. Mehrere Chancen blieben ungenutzt, stattdessen konnte man Ex-Mannheimer Felix Brückmann in Höchstform erleben. Dem Torwart war es dann auch zu verdanken, dass das Spiel nur 4:0 und nicht noch höher endete. Hängen bleiben wird aber sicherlich bei vielen der Faustkampf, zu dem der Wolfsburger Sergej Stas seinen Konkurrenten Brandon Yip aufgefordert hatte. Die Handschuhe runter und schon ging es zur Sache. Am Ergebnis konnte man dadurch aber nicht mehr drehen und so setzten Fans und Mannschaft alle Hoffnungen auf den 2. April, den Tag, an dem die Entscheidung aus Sicht der Niedersachsen hoffentlich noch nicht fallen sollte.

Klare Niederlage mit versöhnlichem Ende
Was zudem in Spiel vier des Halbfinals nicht fiel, waren Treffer. Im ersten Drittel blieben beide Tore, trotz einiger Chancen leer. Doch im mittleren Spielabschnitt übernahmen die Grizzlys dann in der fast voll besetzten Eis Arena das Kommando. Matt Dzieduszycki legte mit dem 1:0 vor (31.), Norm Milley, der nun nach sieben Jahren EHC zu Düsseldorf wechselt, schloss sich mit dem 2:0 an (33.) und dritter im Bunde war Sebastian Furchner (39.) nach Pass von Robbie Bina. 3:0 vor der zweiten Sirene, das sieht nach trockenen Schäfchen aus – so dachte man zumindest noch bis zu Beginn des letzten Drittels.

Dann holte Mannheim allerdings in doppelter Überzahl den ersten Anschlusstreffer durch Matthias Plachta (45.). Vier Minuten später, erneut in Unterzahl, brachte Jochen Hecht die Wolfsburger Fans wieder zum Zittern. Fünf Minuten vor Spielende dann der Gleichstand durch Kurtis Foster. Zu energielos, zu defensiv und zu viele Strafen einkassierend nahm das Unheil seinen Lauf. Hatten manche Fans sicher noch auf ein Comeback in der Nachspielzeit gehofft, machte ausgerechnet der ehemalige EHC-Profi Kai Hospelt Sekunden vor Schluss das 4:3 aus Sicht der Kurpfälzer. Eins drauf setzte dann Andrew Joudrey ins leere Tor. Einzig die Wolfsburger Fans, die auch nach dem Playoff-Rauswurf zu Mannschaft und Trainer standen, konnten an diesem Abend das eine oder andere Lächeln auf die Gesichter der Grizzlys treiben. „Jungs, wir sind stolz auf euch!“, zierte ein großes Transparent. Zu Recht, denn als siebtplatzierte Mannschaft dreimal mit 3:0 gegen den millionenschweren Favoriten vorne zu liegen ist eigentlich gar kein Trauma, es ist vielleicht sogar eher ein Traum.

Pavel Gross (c) EHC Wolfsburg

Pavel Gross (c) EHC Wolfsburg


EHC-Coach Pavel Gross zum Playoff-Spektakel

inSport Herr Gross, können Sie nach dem Ausscheiden aus den Playoffs schon wieder lachen?
Gross Man muss immer das normale Leben vom Leben auf dem Eis unterscheiden. Von daher: Ohne Lachen und ohne Spaß geht normalerweise gar nichts.

inSport Norm Milley wird nun nach sieben Jahren den EHC verlassen. Sind Sie nach dem Halbfinal-Aus schon in der Lage, ihn gebührend zu verabschieden?
Gross Ja klar, wir werden uns von Norm Milley noch verabschieden, er ist ein anständiger und guter Kerl. Nun hat er sich entschieden, nach Düsseldorf zu gehen – und wir wissen ohnehin, es wird einen kleinen Umbruch geben. Milley hat sehr viel getan für die Organisation, für die Mannschaft, war auch beliebt und war, beziehungsweise ist nach wie vor ein guter Spieler. Von daher muss man so eine Person auch würdigen.

inSport Im dritten Halbfinalspiel gab es einen Faustkampf zwischen Sergej Stas und Brandon Yip. Auch Sie selbst konnten sich, von Mannheims Manager Teal Fowler provoziert, in dem Moment nur schwer bremsen. Sind Sie der Meinung, ungezügelte Emotionen machen einen guten Trainer aus?
Gross Na ja, ich erwarte von meiner Mannschaft klar, dass sie Emotionen zeigt, aber ich achte schon auf eine gewisse Disziplin. Das ist selbstverständlich. Natürlich habe auch ich gewisse Emotionen, aber eben auch eine entsprechende Disziplin. Ich würde nie etwas Illegales machen. Und das habe ich nicht getan – von daher ist alles ganz normal. Eishockey ist eine Sportart, in der die Emotionen – gerade in den Playoffs – sehr hoch kochen. So ist das halt.

Text Leonie Steger | Fotos Salome (Fotolia), EHC Wolfsburg

Kategorie:Hockey

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